Von Viola Roggenkamp

Lübeck

Herr Stadtpräsident, meine Damen und Herren! Und wenn Sie so was beantragen, dann müssen Sie sich auch über die Konsequenzen im klaren sein. Sonst beantrage ich so was nicht. Das müssen Sie zur Kenntnis nehmen. Nicht? ja! So ist ja doch wohl die Sachlage. Nein, meine Damen und Herren, mit uns können Sie so was nicht machen. Wir beantragen, daß dieser Antrag von Ihnen zurückgenommen wird."

Unter donnerndem Beifall seiner Genossen verläßt der SPD-Fraktionschef Gerhard Krüger das Rednerpult und begibt sich auf seinen Platz.

Bei der CDU beugt sich ein Herr in hellbraunem Tweed zu seinem Kollegen und sagt vernehmlich: "Büschen Äktschen, wie? Der freut sich nu wie ’n Stint." Sein Parteifreund jedoch verzieht keine Miene: "Kein Format, ist ja unmöchlich der Mann." Dann geht er seinerseits zum Rednerpult, knöpft dabei umständlich das Jackett zu und wirft einen Blick hinauf zu den gut besetzten Zuschauertribünen: "Das müssen Sie gerade sagen. Sie wollen hier doch nicht erzählen, daß die Bürger nicht wissen, was hier gespielt wird!"

Was hier gespielt wird, ist vielleicht nicht einmal ein Schlagabtausch. Den Rahmen dafür jedenfalls bietet die Bürgerschaftssitzung der Hansestadt Lübeck.

Vielleicht ist die wachsende Verschuldung und damit die steigende Handlungsunfähigkeit der Städte und Gemeinden schuld, daß die Debatten in den Kommunalparlamenten inhaltlos geworden sind. Wenig mehr als zwei Minuten brauchen die Demokraten aller Fraktionen, um über den Etat samt Neuverschuldung abzustimmen. Es steigt kaum noch jemand durch, hat man den Eindruck.

Geradezu weitschweifig aber sind die Diskussionen, wenn alle mitreden können, wenn es um 10 000 Mark für ein neues Museumsstück geht ("so viel Geld für so einen kleinen Barock-Schrank?"), oder um die Frage, aus welchem Material Müllsäcke sein sollen. Und je nachdem, wer gerade auf den Oppositionsbänken sitzt, verwahrt sich aufs Entschiedenste gegen die erneut zu erhöhenden städtischen Busfahrpreise.

Im vergangenen Jahr haben die 8750 westdeutschen Kommunen über 154 Milliarden Mark ausgegeben. Ihre Gesamtverschuldung lag Ende 1982 bei 100 Milliarden Mark. In Lübeck war das Haushaltsloch 40 Millionen Mark groß. Seit September 1982 finanziert die Stadt die Gehälter ihrer Angestellten aus Kassenkrediten.

Vor allem war es wohl die Drittel-Finanzierung, die Städte und Gemeinden in die roten Zahlen gebracht hat. Gaben Bund und Land für städtische Investitionen zwei Drittel zu, borgte sich die Stadt getrost das letzte Drittel; man bekam ja mehr als man sich pumpen mußte.

In der Hansestadt regiert in der dritten Wahlperiode die CDU. Der Eindruck, es seien in allen Fraktionen immer dieselben, die seit über zwanzig Jahren die Bürger im Rathaus vertreten, meist in der Lobby beieinanderstehen und schwatzen, nur zur Abstimmung rasch hereinstürzen oder aber auf ihrem Stuhl vor sich hindämmern, Rahmbonbons, Gummibärchen und Pfefferminzpralinen auch mal zum politischen Gegner reichen (Marzipan ist zu teuer) – dieser Eindruck muß seit der vergangenen Neuwahl Anfang 1982 ein wenig revidiert werden; Vor allem in der CDU gibt es ein paar Neue:

Volker Lemke, Rechtsanwalt und vor vier Jahren in die Bürgerschaft gewählt, ist 39 Jahre alt. "Baby-face", wie er in den eigenen Reihen genannt wird, ist nun Fraktionschef der CDU und Wirtschaftssenator.

"Ich finde auch, ich mache das so ganz nett. Wir sind wohl kein Kabinett von Eierköpfen. Nun ja, ich habe mich auch nicht danach gedrängt. Ich war hier in Lübeck Schüler des Katharineums, bin zur Marine gegangen, bin also brav geraten. Mein Vater kann richtig zufrieden mit mir sein." Vater Helmut Lemke ist Landtagspräsident in Kiel.

Ja, und dann gibt es noch einen wahrhaftig herausragenden Neuling unter den Christdemokraten. Es ist Hans-Lothar Fauth, der "Schrittmacher des Lübecker Nachtlebens". Er ist das, was man in einer kleinen Großstadt etwas beunruhigt eine "schillernde Figur" nennt. Seit seinem Einzug in das Rathaus gibt es sowohl in der SPD wie auch in der CDU Leute, die der Meinung sind, daß ein Nachtklub-Besitzer nicht Politiker sein sollte.

Die Lübecker waren offenbar anderer Meinung. Hans-Lothar Fauth kandidierte in einem todsicheren SPD-Bezirk. Auf etwa 70 000 Flugblättern behaupteten die Jungsozialisten und Jungdemokraten, "Fauth ist nicht wählbar". Doch Fauth gewanr..

Warum nun das Geschrei, wo doch auch Sozialdemokraten bei Hans-Lothar Fauth tanzen, trinken und an seiner Bar über ihn lästern? Bei Heinrich Mann in "Ein Zeitalter wird besichtigt" heißt es: "Du weißt, ich bin nicht anständig. Darum sehe ich die Dinge, wie sie sind." Hans-Lo:har Fauth, über den in der eigenen Fraktion als "ein kleiner skandalöser Fremdkörper" geredet wird, sagt auf jeden Fall, wie er die Dinge sieht.

"In Lübeck ist ja alles ,in der Nähe‘", sagte Thomas Mann in seinem Vortrag "Lübeck als geistige Lebensform" und fügte hinzu: "Ich sehe nicht ein, weshalb Lübeck eine lächerlichere Herkunft sein sollte als eine andere – ich rechne es sogar zu den besseren Herkünften."

Nun, Hans-Lothar Fauth ist immerhin doch nicht aus Lübeck, sondern aus Danzig ("mein früherer HJ-Führer war Horst Ehmke"). Sein Nachtklub (Unternehmenswert rund zwei Millionen Mark, Reingewinn 80/81 etwa 400 000 Mark) steht mitten in der Lübecker Altstadt. Direkt visà-vis ließen die Stadtväter 1975 zum hundertsten Geburtstag von Thomas Mann eine Stele zur Erinnerung an den einst so gescholtenen Dichter aufstellen, an der sich inzwischen viele Hunde vergangen haben. Heinrich Mann ist in dieser Weise überhaupt noch nicht "weggekommen", weder gut noch schlecht. Eine Büste gibt es allerdings von ihm, die im Behnhaus steht. Zum Hundertsten seines Bruders wurde Heinrich vorübergehend in eine Abseite des Museums gestellt, später aber wieder hervorgekramt.

In seinem Büro sitzt der CDU-Abgeordnete Fauth auf einem Thronsessel vor fünf Telephonen, eines davon ist rot. Den Thronsessel hat ihm ein dänischer Prinz geschenkt. Über seinem Kopf prangt das Danziger Stadtwappen, daneben eine Nachbildung des englischen Königs-Zepters als Trinkgefäß. Dann noch Bischofsstab und Bischofsnut samt Kreuz und Kette. Jedes Jahr zu Weihnachten macht Hans-Lothar Fauth im Bischofsornat Weihnachtsbescherung in seinem Nachtklub. Er tue dies mit voller Berechtigung, sagt er, denn der "Schrittmacher des Lübecker Nachtlebens" war einmal Dominikaner-Mönch im Kloster Walberberg bei Köln. Doch bei den "Hunden des Herrn" hielt es ihn nur fünf Jahre. Als 24jähriger trat er 1952 wieder aus.

"Es war die Nachkriegszeit. Wir hatten alle kaum was zu beißen. In den Ordensregeln heißt es ‚wir sind alle gleich‘. Aber die Patres bekamen Kaffee und Zigaretten, wir Mönche nichts." Außerdem war er zu unrecht verdächtigt worden, aus der Kollekte Geld genommen zu haben.

Er kam nach Lübeck, trat in die CDU ein und 1960 wieder aus. An den CDU-Vorstand schrieb er: "Ich habe überhaupt kein Verständnis, daß wir nach allem, was uns der Krieg gebracht hat, noch aufrüsten. Oder glauben Sie wirklich, daß unsere drei Pappsoldaten auch nur irgend etwas bei einem militärischen Konflikt zwischen Ost und West ausrichten können?" 1961 trat Hans-Lothar Fauth wieder ein. Die CDU hatte die absolute Mehrheit in Bonn verloren.

Der Politik will er nun sein "Lebenswerk opfern" – den Nachtklub. Das politische Geschäft nimmt ihn allzu sehr in Anspruch und ist mit dem nächtlichen Geschäft wohl auf Dauer nicht in Einklang zu bringen.

Das politische Geschäft in Lübeck sieht dem politischen Geschäft anderer Kommunen sehr ähnlich. Es müßte gespart werden, aber man weiß nicht wie "Es fällt vielen sicherlich schwer, sich in ihren unnützen Ausgaben einzuschränken, nachdem sie sich die gedankenlose Befriedigung jeder Laune angewöhnt haben. Wer es aber energisch versucht, wird bald großes Vergnügen daran finden, seine Ersparnisse anwachsen und sich in einen mäßigen, überlegenden Menschen verwandelt zu sehen", riet der Lübecker Weinhändler Heinrich Leo Behncke in seiner 1900 und 1913 herausgegebenen vierbändigen Geschichte einer "Lübecker Kaufmannsfamilie".

In Dortmund sollen die städtischen Dezernenten künftig ihre Dienstwagen selbst steuern. 400 000 Mark Ersparnis. Das wäre eine Möglichkeit anzufangen. Doch da die Stadt gerade ihre Jahrhundert-Pleite erlebt hat, mag an solche Tropfen niemand denken.

Lübecks Metallhütte ist am Ende. Sie rostet vor sich hin, verkommt zu einer traurigen Industrieruine; rund 1000 Arbeitsplätze sind dahin. Für eine Stadt mit fast 220 000 Einwohnern, darunter 15 000 Ausländer, ein gewaltiger Schlag.

Kann man angesichts dieses Untergangs auf das monströse Kaufhaus Horten verzichten, das mit 700 Arbeitsplätzen winkt, sich aber nur neben das Holstentor setzen will? Die Stadt ist nun einmal ein Denkmal, literarisch wie städtebaulich. Zwar stehen in der Altstadt historische Bürgerhäuser und mächtige Backsteingotik allen modernen Investitionen im Wege, doch ist das überkommene Erbe mitzuschleppen, denn die Öffentlichkeit hat ein wachsames Auge auf das Lübeck zur Zeit der "Buddenbrooks" und den Denkmalschutz.

Anfang letzten Jahres verabschiedete die Bürgerschaft endlich die Gestaltungssatzung für die Lübecker Innenstadt, nach der das historische Stadtbild auf der gesamten Altstadtinsel als Kulturdenkmal bewahrt werden soll. Jetzt sind Sprossenfenster Vorschrift und grelle Werbeembleme verboten. Doch die Satzung kam für viele Häuser zu spät. Zu spät auch für die als Straßenzug historisch wichtige Häuserzeile in unmittelbarer Nähe von Rathaus und Marienkirche. Der Kaufhauskonzern Karstadt riß sie 1974 in einer Blitzaktion nieder. Acht Jahre alt ist die riesige Baulücke nun, Karstadt hat zwar so seine Pläne, lauert aber darauf, was nun mit Horten wird.

Horten will noch immer 1985 beim Holstentor den Grundstein legen, obwohl nun seit gut zehn Jahren Stadt und Bürger und Kaufhaus und Architekten sich weder über den exakten Standort noch über die Gestaltung der Gebäude einig werden können. Zur Zeit sieht es so aus: Die Holstenhalle, von der Stadt den Bürgern 1926 zur 700-Jahr-Feier der Reichsfreiheit als Mehrzweckhalle geschenkt, soll fallen oder von der Kaufhauskonstruktion vereinnahmt werden. Zwischen Horten und Holstentor soll eine Fußgängerzone entstehen. Das mag sich gut anhören, wird aber zur Folge haben, daß Lübecks Wahrzeichen an den Rand einer Grünfläche rückt Das Holstentor wird dann optisch nicht mehr Geltung haben als ein Seitentor zum Hortenplatz.

"Ich halte Lübeck für die deutscheste der deutschen Städte", übertrieb kaiser Wilhelm Zwo einmal in seiner pathetischen Art. Und der Lübecker Theodor Eschenburg schrieb in einer "Nachlese zu den Buddenbrooks": "Man war wohl deutsch und kaiserlich gesonnen, aber im Mittelpunkt der Vorstellungen stand die siebentürmige Vaterstadt." Als man auf einer Lübecker Abendgesellschaft, nach dem Erscheinen von "Buddenbrooks", die berühmten Lübecker durchsprach – Heinrich Mann, Franziska Gräfin Reventlow mit ihrem unehelichen Kind, Erich Mühsam, den Anarchisten und Bänkellieder-Dichter, Fritz Behn, Senatorensohn, nun armseliger Bildhauer, und Thomas Mann. – da seufzte der damalige Bürgermeister: "Daß die auch gerade alle aus Lübeck sein müssen. Was sollen bloß die Leute im Reich von uns denken."

Familienforscher fanden jüngst heraus, daß obendrein auch noch Lenins Großmutter, Anna Grosschopf, aus Lübeck stammt, nicht zu schweigen von dem, der später kam: Willy Brandt. Ihm wie auch Thomas Mann konnte die Lübecker Ehrenbürgerschaft nur mit ganz knapper Mehrheit verliehen werden.

Die Kaufmannsstadt tut sich schwer, auch heute noch. Hein Beth, ein unbekannter Künstler, ein Lübecker Maler, ein Original, kompliziert und empfindlich in seiner unkonventionellen wie schüchternen Art. Es ging ihm schlecht, er verdiente nichts. Die Stadt entschloß sich, ihm zu helfen. Man steckte ihn in die Uniform des Rathaus-Dieners, in der er vor kurzem einging.