Von Manuela Reichart

Man hat vor einiger Zeit in den öffentlichen Blättern gelesen, daß ein Paar Liebende sich gegenseitig aus Verzweiflung in einem Augenblick getötet hatten." So beginnt Heinrich von Kleist die kurze Erzählung eines nämlichen Falles, der sich 1770 in Lyon ereignet haben soll.

Einem Mann, der von seiner unheilbaren Krankheit erfährt, ist die Vorstellung, seine Geliebte könnte ohne ihn weiterleben, unerträglich. Und auch die Auserwählte des Eifersüchtigen will ohne den Versprochenen nicht existieren. Bevor aber die Tat, die dem Schicksal vorauseilen soll, getan wird, stellt der Mann die Frau auf eine schreckliche Probe: Er leert einen Becher zur Hälfte aus, behauptet Gift getrunken zu haben und verlangt so den Liebesbeweis.

Erst nachdem sie den Trank zu sich genommen hat, glaubt er an ihre zum Letzten entschlossene Liebe. Schließlich treffen sich die beiden Liebenden heimlich in einer ländlichen Kapelle, um gemeinsam in den Tod zu gehen, "und schlangen mit dem linken Arme ein Band um sich. Jedes hielt eine Pistole auf das Herz des andern, und mit einer Bewegung gingen beide Pistolen los und durchbohrten die Brust von beiden mit einem Male ... Der Liebhaber war 30, und seine Geliebte 20 Jahre alt."

"Mord aus Liebe" überschreibt Kleist diese Geschichte. Er nennt den Mörder beim Namen, die Mörderin bleibt namenlos.

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41 Jahre später: der Tod am Wannsee. Heinrich von Kleist und Henriette Vogel sterben gemeinsam, er erschießt erst sie, dann sich. Im Stahnsdorf-Machenower Kirchenbuch ist die Rede von einem Mord und einem Selbstmord. Heinrich von Kleist war da 34 Jahre alt. Henriette Vogel, geborene Keber war 31 oder 34 oder 35 Jahre alt.