1843 erschienen zwölf Radierungen von Otto Speckter zu einer Ausgabe des Märchens „Der gestiefelte Kater“ bei Brockhaus in Leipzig. Dem Buch waren ein Vorwort, die Bearbeitungen von Straparola, Basile, Perrault und das Theaterstück von Ludwig Tieck beigegeben. Dieses Kleinod der Buchkunst aus dem neunzehnten Jahrhundert ist nun als Faksimile bei Insel erschienen.

Speckter begleitet seine zwölf Tafeln mit einem erklärenden Text, dessen uneitler Ton harmonisch zu den bezaubernden Radierungen steht, die ernsthaft und genau, gleichwohl ganz ohne Tüftelei, die wunderliche Geschichte vom Kater Hinze in Bildern geben.

Man hat Speckter den „norddeutschen Ludwig Richter“ genannt. Der Hamburger Lithograph und Maler, der nie eine Akademie besuchte, ein Autodidakt, dessen Gönner Freiherr von Ruhmohr war, vereint in seinen Zeichnungen und Radierblättern Ausdruckskraft, Innigkeit und Märchenstimmung. Romantische Auffassung wird von hanseatischer Gediegenheit begleitet: so entsteht eine naiv-herbe und schlichte Illustration, die Theatralik, pompöses Dekor und Finessen bewußt ausläßt. In einer fast kindlichen Zuwendung zum Sujet, ruhiger Sachlichkeit, meisterhafter Kenntnis in der Anatomie der Tiere, die Summe unzähliger Skizzen und Studien ist, setzt er den Kater Hinze ins Bild. Er verzichtet auf Staffage und Bühneneffekte (wer Dorfs Kater in Erinnerung hat, der mit Pathos und Schlapphut gestikuliert, weiß, was gemeint ist), nähert sich still und sanft diesem Märchen, das auch eine Parabel über Zufall und Lächerlichkeit der Macht ist.

Speckters Hinze ist nicht der tückisch-raffinierte Trick-Kater, eher ein treues Geschöpf, das seinem Herrn, dem dummen Gottlieb, dankbar ist, daß er keine Pelzhandschuhe aus ihm macht. Folgerichtig staffiert Speckter den Kater nicht mit großer Robe aus, sondern läßt ihn sich ganz und gar kätzisch bewegen. Einzige menschliche Zutat: ein Paar artige Stiefelchen. Im Text zu Blatt acht heißt es bei Speckter: „Die Leute erschraken vor dem kleinen ganz behaarten Mann, der so böse aussah, große Krallen an seinen Händen und einen dicken rauhen Schwanz hatte und auf Stiefeln dahersprang“.

Das Vergnügen an diesen Radierblättern ist keine nostalgische Rückwärtsbewegung, sondern Hochachtung vor dem exzellenten Handwerk, das heute so rar geworden ist und dessen Mangel oft durch pompöse Formate vertuscht werden soll.

Speckters Hinze, der geschmeidige Kater mit den riesigen Augen, bleibt, was er auch in Tiecks Theaterstück sein soll: ein grundgutmütiges philosophisches Tier mit einer guten Portion Alltagsschläue, das die Prestige-Faxen der etablierten Menschen-Gesellschaft durchschaut und deshalb drauf bestehen muß, in Stiefeln aufzutreten. „Gottlieb, Ihr versteht das Ding nicht“, heißt es bei Tieck, „ich muß dadurch ein Ansehn bekommen, ein imponierendes Wesen, kurz eine gewisse Männlichkeit, die man in Schuhen zeitlebens nicht hat.“

Otto Speckter: „Das Märchen vom gestiefelten Kater“, Faksimile der 1843 erschienenen, Ausgabe von Brockhaus in Leipzig; Insel Verlag, Frankfurt; 120 S., 28,– DM.

Ute Blaich