Hamburg

Die Kosten-Nutzen-Analyse sprach gegen sie. Zum Ende letzten Jahres hat die Deutsche Bundesbahn ihren Vertrag mit den letzten sechs Gepäckträgern im Hamburger Hauptbahnhof gekündigt. Arbeitslos, wie Tausende Auszubildende, die die Bahn dieses Jahr, bundesweit, nicht mehr weiterbeschäftigen will, wurden die Hamburger Dienstmänner allerdings nicht: Die Personalverwaltung schiebt sie ab in den Gepäck- und Expreßdienst, einige wurden in den vorzeitigen Ruhestand geschickt.

76 Jahre lang haben Gepäckträger im Weltstadtbahnhof der Freien und Hansestadt gearbeitet; zu ihren Glanzzeiten waren sie mal zu sechzig. Karl "Kuddel" Prozeski, der 58jährige Träger mit der Nummer 11, erinnert sich nicht ohne Wehmut an seinen fünfzehnjährigen Dienst: "Natürlich war früher mehr zu tun. Trotzdem verstehe ich die Entscheidung der Bahn nicht. Im Sommer, zur Urlaubszeit, wissen wir oft gar nicht, wie wir das alles schaffen sollen."

Im letzten Dienstmonat Dezember war es ruhiger. Karl Prozeski schlich über die Bahnsteige der Inter-City-Züge, alle zehn Meter bat ihn jemand um eine Auskunft. Einen Koffer bekam der Mann mit der grünen Jacke und der blauen Mütze nicht in die Hand. "Im Winter haben wir auch für die Geschäfte hier im Bahnhof gearbeitet, frühmorgens Brötchensäcke geschleppt beim Bäcker oben", erklärt er heute. Und Reisegruppen gebe es auch jetzt.

Der Vertrag zwischen der Gepäckträgergemeinschaft und der Bundesbahn sicherte den sechs – meist älteren – Trägern einen Zuschuß auf der Grundlage der niedrigsten Lohngruppe. 150 000 Mark pro Jahr kosteten sie die Bahn. Für die Träger kamen die Beförderungsgebühren pro Gepäckstück dazu. 2,50 Mark für ein Teil, 5,70 Mark für drei. Sie waren freie Unternehmer mit Garantielohn. "Das ist nicht mehr rentabel für uns", teilte die Hamburger Pressestelle der Bahn dazu mit.

"Natürlich kann man mit Statistiken alles begründen", empört sich der 50jährige Manfred Lemke, "Sprecher" der sechs. "Tatsache ist jedoch, daß wir weiterhin gebraucht werden." Karl Prozeski denkt an die Prominenten, die den Dienst gern und häufig in Anspruch nehmen: "Neulich war die Marika Rökk da. Sieben Gepäckstücke hatte die. Wie soll die das jetzt alleine schaffen, gerade so als Frau?" Andere Reisende ließen ihre Ankunft per Telegramm avisieren: "Erbitten Gepäckträgerhilfe für Graf Bernadotte, Ankunft um 7.36 Uhr mit dem ‚Komet‘, Wagen 266." – "Und dann?", sorgt sich die Nummer 11 um den beladenen Adeligen, "dann ist keiner mehr von uns auf dem Gleis. Da steht die Bahn dumm da." Auch die anderen Träger müssen in Zukunft auf ihre liebsten Kunden verzichten. Herbert Hölting, 61 Jahre alt, denkt zurück an Theo Lingen und Peter Frankenfeld ("als die noch lebten, die waren Stammkunden bei uns,), an Max Schmeling und an Georg Thomalla: "Das war der Beste von allen, genauso lustig wie in seinen Filmen." Von Hua Guo Feng, darauf ist er nach 25 Jahren Gepäckdienst besonders stolz, hat er ein Autogramm, das er allerdings nicht lesen kann.

"Aber gerade auch die vielen alten Leute", sagt Prozeski eher traurig als verbittert, "als sie vom Ende unserer Dienstzeit hörten, manche haben da geweint. Jetzt können wir nicht mehr mit der Bahn fahren, war ihre Reaktion." Protestbriefe und Dankschreiben geben ihm recht.