Nichts deprimiert Leonie Ossowski mehr als ein Frühstück im Hotel. Dabei ist ihr, weiß Gott, schon Übleres unter die Augen gekommen als ein üppiger Teebeutel im Wasserglas. Unterwegs war sie, wenn man so will, ihr Leben lang. Auf der Flucht vor den Russen, den Männern, den Geschichten, auf der Flucht vor sich selbst.

Als geborenes "Fräulein von" hatte Leonie Ossowski auf niederschlesischem Boden ihre ersten Schritte gemacht. "Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann" hieß 1968, nach zwei wenig beachteten Drehbüchern in den fünfziger Jahren ihr erster Roman, dem sie aller Kritikschelte zum Trotz, heute noch die Treue hält. Sie meint, die Sache um den schwarzen Mann sei so richtig skurril und verrückt gewesen, so richtig als Erlösung nach zehnjähriger Mühsal geschrieben. Sieben Kinder sind kein Pappenstiel, wenn die zwei ältesten auch beim ersten Mann zurückgeblieben waren. Wer in so gern gelesenen und so tief mißachteten Blättern wie der Bäckerblume und der Drogistenzeitung sein Handwerk geübt, auf Jahrmärkten Schmiere gestanden oder Kragenstäbchen an den Nachkriegsmann gebracht hat, wußte von irren Dingern zu berichten. Das Schloßkind mit Salem-Etikette hatte mit dem "schwarzen Mann" der guten alten Zeit wohl für immer den Abschied gegeben.

Heute lebt Leonie Ossowski zusammen mit dem dritten Mann, dem Soziologen Gunter Solowjew, Hochparterre in einer Berliner Eigentumswohnung. Selbstdisziplin hielt sie schon immer über Wasser. Ordnung herrscht. Hier und da Erinnerungsstücke, alte Möbel, große schwere Sessel. "Wenn ich vor einigen Jahren gewußt hätte, daß ich mal so wohnen würde", Leonie Ossowski lacht, der honiggelbe Hovawart geht brav auf seinen Platz zurück.

Leonie Ossowski, die sich selbst so taufte, um sich nicht immer wieder mit einem neuen Namen abmühen zu müssen – "wer weiß, wie oft ich noch heiraten werde" –, hat ein lockeres Mundwerk und eine leise Stimme. Sie wirkt schüchtern, was nicht ausschließt, daß sie burschikos und mutig’sein kann.

"Die große Flatter", 1977 beim Beltz & Gelberg Verlag erschienen (heute in der 6. Auflage und im 36.-45. Tausend lieferbar), ist, neben dem weiteren Renner "Stern ohne Himmel", ihr bislang größter Erfolg. Diese steile Richtung ihrer Karriere beargwöhnt sie selbst.