Hamburg

Verstehen Sie, was ich meine?" fragte der Richter bereits zum dritten Mal. Der Angeklagte könne sein Kind doch nicht so einfach abstellen und dann vergessen. ,,Ja", sagte Heinz-Thomas T., wegen Verletzung der Fürsorgepflicht gegenüber seinem zweijährigen Sohn Michael angeklagt, "das verstehe ich." Trotzdem kamen sich Die beiden Männer zunächst nicht so recht näher. Der leere Raum zwischen Richterpodest und Anklagebank dehnte sich.

Daß der junge Richter gleich zu Beginn der Verhandlung die Vorstrafen des 25jährigen Angeklagten als unbedeutend beiseite legte, schien auf Routine hinzuweisen. Heinz-Thomas T., die Arme mit den hochgeschobenen Sweatshirtärmeln auf die Knie gestützt, hob den Kopf mit den langen blonden Haaren und zeigte den Ring im Ohr. Er war erleichtert, daß sein Gegenüber die Sache mit der Körperverletzung, später die mit den 14 000 Mark Schulden, nicht so wichtig nahm. Offenes Unverständnis zeigte der Richter nur kurz, als der Angeklagte seinen Verdienst mit 400 Mark angab. "In der Woche?" fragte er. Nein, es waren tatsächlich 400 Mark im Monat für den Schausteller, dazu Kost und Logis.

Auch in die Familienverhältnisse drang der Vorsitzende nicht näher ein – als markierten die Mißgeschicke unsicheres Gelände, Heinz-Thomas T. hatte 1981 mit seiner Frau und dem Sohn Michael zusammengewohnt, bis die Ehefrau plötzlich "spurlos verschwunden war". Der Angeklagte konnte sich das nicht erklären. Die Frau "trank ziemlich viel", meinte er, und dann "ging sie wohl mal los und kam nicht wieder". Nein, er hat keine Ahnung, wo sie jetzt ist. Etwas später wurde er arbeitslos.

Für das Kind sorgte er ein halbes Jahr selber. "Es war ein bißchen schwierig", erzählt der junge Vater, das Kind füttern, anziehen, ausziehen, ins Bett bringen. Er habe das alles alleine machen müssen, und dann abends immer zu Hause bleiben. Wenn er einen Job hatte, gab er das Kind tagsüber zu einem Kumpel.

An einem Abend im März sollte Heinz-Thomas T. auf dem Jahrmarkt in Volksdorf abbauen helfen. Diesmal gab er das Kind "einem August", wie der Staatsanwalt etwas hämisch betont. Nachname? Der Angeklagte kannte ihn nicht. Daß das auf dem Jahrmarkt eben so ist, versteht der Richter sofort. August nun wollte seiner Freundin das Kind zur Aufbewahrung geben, deren Wohnwagen in der Nähe abgestellt war. Als der Vater morgens um drei dort ankommt, sind August, die Freundin und das Kind weg.

Ja, doch, er habe sich Sorgen gemacht Aber er sei zu müde gewesen, um nach dem Kind zu suchen. Sein Chef hatte sich ja auch für diese Aufgabe angeboten. Nein, an eine Vermißtenanzeige habe er nicht gedacht. Gehört hat er dann nichts mehr von Michael. Das ist kein Wunder, denn der kleine Junge ist noch am selben Abend in der St. Pauli Kneipe "D-Zug" von August "dem ihm unbekannten Zeugen M." überlassen worden, "der es gemeinschaftlich mit der Zeugin K. versorgte". Die Zeugen sind nicht erschienen. Der junge Vater hat keine Ahnung, wo sein Kind jetzt ist. In einem Heim, hat man ihm gesagt. In welchem? Er weiß es nicht, fragt auch nicht danach.