Von Hans-Christoph Blumenberg

Über den Dächern von Monte Carlo geht langsam die Sonne unter. Hinter dem Felsenschloß der Grimaldis verfärbt sich der Himmel in allen Schattierungen von Purpur. Das Panorama könnte aus einem alten Hollywoodfilm in Technicolor und CinemaScope stammen: wie die tote Fürstin, deren Bilder viele Schaufenster schmücken.

Der Mann im Penthouse eines auffällig häßlichen, gewiß auch auffällig teuren Appartementhauses mit dem typisch monegassischen Namen "Sun Tower" schenkt dem Drei-Sterne-Blick aus dem 20. Stock kaum Beachtung. Er sitzt in einem riesigen Wohnzimmer, das an die Präsidentensuite gewisser Luxushotels erinnert: sehr exquisit ausgestattet, aber wenig verratend über den persönlichen Geschmack des Bewohners. Der Mann trägt einen gelben Rollkragenpullover. Vor der glamourösen Mittelmeer-, Kasino- und Palmenkulisse, umgeben von schweren Stilmöbeln und goldenen Lüstern, wirkt er auf den ersten Blick fast verloren: wie ein freundlicher Herr aus bescheideneren Verhältnissen, der sich in die große Welt verirrt hat und nun nicht recht weiß, was er mit seinem unverhofften Reichtum anfangen soll. Oft sieht er etwas verlegen aus! Er mag Monte Carlo nicht besonders. Er zahlt seine Steuern immer noch in Deutschland.

Er ist nicht schön. Eine Hautkrankheit hat vor vielen Jahren sein Gesicht verwüstet. Man sieht die Spuren noch. Er trägt eine Brille mit einem dunklen, etwas zu schweren Gestell Er flößt Vertrauen ein. Nach drei Tagen hat man das Gefühl, daß man ihn schon eine Weile kennt. Die Leute erzählen ihm Geschichten. Er ist ein guter Zuhörer. Fremde Geheimnisse scheinen bei ihm sicher aufbewahrt. Es ist unmöglich, ihn nicht zu mögen.

Irgendwann zitiert er Albert Einstein: "Der Mensch hat wenig Glück." Nach einer kleinen Pause: "Seit Einstein hat der Mensch noch weniger Glück." Über sein eigenes wundert er sich. Er glaubt nicht an Happy-Ends, weder in der Liebe noch im Kino. Die Geschichten, die er erfindet, gehen immer böse aus. Wie im wirklichen Leben.

Der Mann im gelben Rollkragenpullover, der so aussieht, wie sich manche Leute vielleicht seine Leser vorstellen (nämlich: unscheinbar), ist alles andere als das. Die unauffällige Fassade verbirgt einen Romantiker, einen Getriebenen, einen Mann mit gigantischen Ängsten und gigantischen Sehnsüchten. Er ist "Das Phänomen Simmel" (so heißt das Taschenbuch eines Germanistik-Professors, der deutlich schlechter schreibt als das Opfer seiner wissenschaftlichen Bemühungen). Er ist, mit großem Abstand, der meistgelesene deutsche Gegenwarts-Autor. Es gab Kritiker, die ihn einen Bestseller-Fabrikanten genannt haben. Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit.

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