Hörenswert

Martin Luther und die Musik“. Wir werden in diesem Jubiläumsjahr noch oft von ihm hören und lesen, auch in Sachen Musik. Denn anders als die modernen Reformatoren hatte Luther der Musik durchaus ihre Bedeutung in seinem neuen Gottesdienst belassen, hatte sie zwar umfunktioniert wie auch andere Details der Liturgie, hatte ihr aber vor allem eine neue Beziehung zum Volk gegeben. Daß auch in der Kunst wie in der Theologie die Entwicklung keineswegs in abrupten Wechseln verlief, nicht in der totalen Verketzerung etwa der bisherigen liturgischen Kunstpraxis bestand, macht diese Anthologie klar: Selbst die Eucharistie-Hymne „Pange lingua“ fand Eingang in das wohl erste protestantische Notenwerk des Verlegers Georg Rhaw. Daß auch die ausführenden Ensembles nicht gleich in philharmonischer Stärke vorhanden waren, liegt ebenso auf der Hand – und der Wiener Motettenchor wie das Ensemble Musica Antiqua halten sich an die vermutlich historische Besetzung. Einzig die Qualität der Stimmen wie der Instrumentalisten korrespondiert nicht mit den Vorstellungen des Reformators: So kultiviert, differenziert, diszipliniert wird man ihm nicht gesungen haben. (Christopherus SCGLX 73 964) Heinz Josef Herbort

Gefühlsselig

Michael de la Fontaine: „12 Jahre – 12 Lieder“. Diese Schallplatte hat beim ersten Hören unzweifelhaft etwas Sympathisches: hübsche Lieder, hübsche Musik, hübscher Gesang. Und alles ist träumerisch umweht von Gefühlsseligkeit und Weltfremdheit, jugendlicher Naivität und einem im Überschwang wohl nicht bemerkten Dilettantismus. Seltsamerweise soll dieser Rückzug in die Intimität ein Plädoyer für die Offenheit der Gefühle sein, die, findet der Autor, „genauso unterdrückt wie damals“ (vor zwölf und mehr Jahren) seien. Und eben deswegen hat der inzwischen zum Soziologen und zum Doktor der Musikwissenschaft gewordene Michael de la Fontaine zu Notenpapier und Klampfe gegriffen und ein paar Mitspieler um sich versammelt. Er protestiert für das Gefühl. Aber es hört sich eher an, als tue er das für eine neuerliche Romantisierung des Lebens und der Politik. Es ist ja so gut gemeint: „Wir brauchen nicht Grenzen und nicht Kanonen“, nicht Militär, Polizei, Parteien, denn „wir leben auf einem Stern unter Sternen“. Schön, davon zu träumen, so einfach und so nett. Es ist nicht immer gut, Jugendwerke wieder feilzuhalten. (Rillen Werke MF 8204, Zweitausendeins, 6000 Frankfurt am Main) Manfred Sack