Von Michael Jungblut

Die Zahl der Arbeitslosen wächst Monat für Monat Die Prognose: 2,35 Millionen im Jahresdurchschnitt 45 Milliarden Mark mußten bereits 1982 zu ihrer Unterstützung aufgewendet werden. Wie lange kann das noch finanziert werden?

Der Frau stand die Verzweiflung im Gesicht geschrieben. "Was soll denn aus uns werden? Mein Mann arbeitet hier, mein Sohn arbeitet hier, und ich bin auch bei Krupp", rief sie ins Mikrophon der Fernsehleute. Zusammen mit Hunderten von Kollegen demonstrierte sie gegen die angekündigte Entlassung von über dreitausend Mitarbeitern der Krupp Stahl AG.

Was für diese Frau und ihre Angehörigen bisher nur eine böse Drohung ist, hat mehr als zwei Millionen anderer Arbeitnehmer schon ereilt. Mit denen, die zur Zeit vergeblich einen Job oder einen Ausbildungsplatz suchen, könnten bereits vierzig große Fußballstadien bis auf den letzten Platz gefällt werden. Und es werden in diesen Wintermonaten täglich mehr, die sich in das Heer der Arbeitslosen einreihen. Tausende von mittleren und kleinen, aber auch viele große Unternehmen mit einst klangvollen Namen haben im Jahr 1982 die Tore für immer schließen müssen. Noch mehr Firmen mußten eine mehr oder minder große Zahl ihrer Mitarbeiter entlassen. Ihre Chance, einen neuen Job zu finden, ist in den vergangenen Monaten immer schlechter geworden. Und viele von den Firmen, die zwar noch niemand "freisetzen", geben seit langem neuen Arbeitskräften keine Chance mehr: Einstellungsstopp. Eine Trendwende ist noch nicht zu erkennen.

Für die große Mehrzahl der Arbeitslosen ist dies eine triste Situation. Sie haben nicht nur einen beträchtlichen Teil ihres bisherigen Einkommens verloren. Sie müssen sich auch mit dem oft schwer zu ertragenden Gedanken abfinden, daß sie nicht mehr gebraucht werden; für viele der Älteren unter ihnen heißt das sogar, daß sie wohl nie mehr gebraucht werden. Für die Angehörigen einer Generation, in der die Arbeit noch der wesentliche Lebensinhalt war, ist das oft ein schwerer Schock. Aber auch für viele Jugendliche ist ein "Einstieg ins Leben", der mit einer langwierigen, frustrierenden und schließlich in vielen Fällen auch noch ergebnislosen Suche nach einem Ausbildungs- oder Arbeitsplatz beginnt, eine deprimierende Erfahrung.

Doch nicht nur die direkten Opfer der Beschäftigungskrise müssen mit den psychologischen Belastungen fertig werden. Auch die meisten derjenigen, die diese Entlassungen exekutieren müssen, werden damit innerlich nur schwer fertig. Die Vorstellung vom Zigarre rauchenden Unternehmer, der sich bei der Durchsicht der Kündigungsliste schadenfroh die Hände reibt, ist ein Klischee aus den Zeiten des Klassenkampfes. Typischer ist wohl jener Leiter einer Berliner Maschinenfabrik, der schon Wochen vor der Betriebsversammlung, auf der er das Unabwendbare verkünden mußte, keinen Schlaf mehr fand und drei Tage nach Bekanntgabe der Entlassungen mit Herz- und Magenbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert werden mußte. Für Betriebsräte, die in tue schwierige Entscheidung über die Auswahl der Kündigungskandidaten einbezogen werden, ist dieses Spiel mit dem Schicksal von Kollegen ebenfalls eine oft kaum erträgliche Belastung.

Dennoch ist die Arbeitslosigkeit nicht für alle ein Schicksalsschlag. Manche nutzen die allgemeine Misere auch, um sich zu bereichern.