Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welche Aufregung Ernst Haeckels militantes Eintreten für die Darwinsche Deszendenztheorie und seine vehemente Kritik der konfessionellen Erziehung ausgelöst hat. Seine populärwissenschaftlichen Bücher, von denen „Die Welträtsel“ (1899) am bekanntesten geworden sind, haben Hunderttausende begeisterter Leser gefunden und ihm – nicht nur unter Pfarrern und Priestern, – sondern auch in der „wissenschaftlichen Welt“ – erbitterte Feinde verschafft. Der 1834 in Potsdam geborene Zoologe wird schon mit achtundzwanzig Jahren Professor seines Fachs in Jena und bleibt dort – auswärtige Rufe standfest ablehnend – bis zu seinem Tode (1919). Seine wissenschaftlichen Arbeiten – wie die „Generelle Morphologie der Organismen“ (1866) gewinnen ihm hohe Anerkennung, und Charles Darwin, dessen überzeugter Anhänger er schon bald nach Erscheinen des „Origin of Species“ wurde, hat anerkennend von seiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ (1868) geschrieben: „Wäre dieses Werk erschienen, ehe meine Arbeit ‚Die Abstammung des Menschen‘ niedergeschrieben war, so würde ich sie wahrscheinlich nie zu Ende geführt haben; fast alle die Folgerungen, zu denen ich gekommen bin, sind durch diesen Forscher bestätigt, dessen Kenntnisse in vielen Punkten reicher sind als die meinen“.

Haeckel drängte schon früh über den Umkreis der Spezialwissenschaft hinaus. Zunächst, indem er die Entwicklungslehre von den Lebewesen (Pflanzen – Tieren und Menschen) auf die gesamte Natur ausdehnte und schließlich, indem er eine „monistische Weltanschauung“ konzipierte, die an die Stelle der mit Vorurteilen und von abergläubischen Bestandteilen belasteten christlichen Religion treten sollte. Seine evolutionistische Auffassung von der gesamten Natur erhielt durch seinen schwungvollen Stil und den Rückgriff auf Goethes Naturanschauung zuweilen poetischen Glanz. Der Stolz auf die „ungeheuren Fortschritte der Naturwissenschaften“ und der auf ihr beruhenden Technik ließ ihn mit heute kaum noch nachvollziehbarem Optimismus in die Zukunft blicken. Seine Welt ist uns heute fremd geworden. Dennoch hat Haeckel zweifellos das Verdienst, Probleme gesehen zu haben, die noch heute – oder vielmehr erst heute – allgemein erkannt werden, auch wenn seine Lösungen uns nicht mehr zu überzeugen vermögen. Es geht ihm darum, den „unnatürlichen und verderblichen Gegensatz zwischen Naturwissenschaft und Philosophie“ zu überwinden. Hierzu hält er es für notwendig, daß Ethik, Rechtspflege und Staatsordnung gleichsam auf das schon erreichte Niveau der Naturwissenschaften angehoben werden. Die Naturwissenschaften – namentlich die die gesamte Natur umfassende Entwicklungslehre – sollen die solide Grundlage für eine zuverlässige, friedliches Zusammenleben und kulturellen Fortschritt verbürgende Weltanschauung darstellen. „Bau und Leben des sozialen Körpers‘, das heißt des Staates, lernen wir nur dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche Kenntnis vom ‚Bau und Leben‘ der Personen besitzen, welche den Staat zusammensetzen. Wenn unsere ‚Staatslenker‘ und ‚Volksvertreter‘ diese unschätzbaren biologischen und anthropologischen Vorkenntnisse besäßen, so würde unmöglich in den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle von soziologischen Irrtümern und von politischer Kannegießerei zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte und auch viele Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen.“

Eine umfassende naturwissenschaftliche Bildung soll denn auch die sprachliche und literarische in den höheren Schulen zumindest ergänzen. Daneben ist Haeckel empfänglich für die Schönheit der Natur und fordert die Ausbildung aller Schüler im Zeichnen und Aquarellieren, das er auch selbst lebenslang als Hobby betreibt. Die naturwissenschaftliche Bildung soll mit der beschreibenden Systematik – „im Zusammenhang mit Ökologie und Bionomie“ beginnen. Der Terminus Ökologie ist von Haeckel neu geprägt worden, um den Teil der Biologie, der sich mit den Wechselbeziehungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt beschäftigt, zu kennzeichnen. Auch wenn Haeckel dem, was wir heute ökologische Probleme nennen, noch keine zentrale Aufmerksamkeit gewidmet hat, so entspricht doch ökologisches Bewußtsein seiner Vorstellung von der Zusammengehörigkeit von Mensch und Natur und seiner Kritik an einer – seiner Überzeugung nach aus christlicher Tradition stammenden – Herrschaftsposition des Menschen gegenüber der übrigen Natur. „Der Darwinismus lehrt uns, daß wir zunächst von Primaten und weiterhin von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und daß diese ,unsere Brüder‘ sind; die Physiologie beweist uns, daß diese Tiere dieselben Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, daß sie ähnlich Lust und Schmerz empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird sich jemals jener rohen Mißhandlungen der Tiere schuldig machen, die der gläubige Christ in seinem anthropoistischen Größenwahn – als ‚Kind des Gottes der Liebe!‘ – gedankenlos begeht.“ Ähnlich entschieden wie die Naturverachtung des Christentums lehnt Haeckel auch Mißachtung der Frau und Sexualitätsfeindschaft der Kirche ab.

Von den sieben Welträtseln des Emil du Bois-Reymond (1880) bleiben bei Haeckel im Grunde nur noch zwei übrig: das Problem der Substanz (Materie und Kraft) und das der Entwicklung. Beide sind seiner Überzeugung nach durch die Fortschritte von Entwicklungslehre und Physik beziehungsweise Naturphilosophie „gelöst“. Das Rätsel der Willensfreiheit aber beruhe „als ein reines Dogma auf bloßer Täuschung“ und „existiere in Wirklichkeit gar nicht“.

Die monistische Ethik will Haeckel – übrigens ähnlich wie Karl Kautsky – aus den natürlichen Trieben ableiten, wie sie schon unter „den höheren Säugetieren“ angetroffen werden. Dabei gelte es eine Harmonie zwischen den gleich legitimen egoistischen und altruistischen Trieben herzustellen. Die ersteren seien für die Erhaltung des Individuums, die zweiten für die der Gattung unentbehrlich. Offenbar nimmt Haeckel an, daß eine Einsicht in diesen Zusammenhang ausreichende motivierende Kraft besitze, um menschliches Verhalten zu bestimmen. Im übrigen stellt er fest, daß alle Hochreligionen – einschließlich des Christentums – die „Goldene Regel“ („was Du nicht willst, was man Dir tu, das füg’ auch keinen andern zu“) anerkennen und daß die monistische Ethik insoweit mit ihnen übereinstimmt. Darüber hinausgehende Forderungen der christlichen Ethik – so etwa das Gebot der Feindesliebe hält Haeckel für „bedenklich“. Haeckel bleibt im Umkreis erfüllbarer bürgerlicher Alltagstugenden, auch möchte er gern „statistisch“ untersuchen, „bei welcher Zahl von vereinigten Menschen das altruistische Sittenideal... sich in sein Gegenteil verwandelt, in die rein egoistische Realpolitik’ der Staaten und Nationen“.

Die vehementen Attacken Haeckels auf Kirche und Christentum wirken heutzutage einigermaßen altmodisch. Auch hat sich inzwischen die katholische Kirche mit der Entwicklungstheorie versöhnt und ein bedeutender theologischer Denker wie Teilhard de Chardin hat sie sogar zu einer (freilich lange Zeit befehdeten) religiösen Konzeption verarbeitet. Die Gefahren, die uns heute an Haeckels Naturalismus ins Auge fallen, sehen anders aus. Sie hängen mit der Tendenz zum Sozialdarwinismus zusammen, der sich auch Haeckel nicht völlig zu entziehen vermochte. So unterscheidet er etwa in seiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ (10. Auflage 1902) die „Menschenrassen“ in „wollhaarige“ und „schlichthaarige“ und behauptet von den ersten, sie stünden „auf einer viel tieferen Entwicklungsstufe und (seien) den Affen viel näher, als die meisten „Schlichthaarigen“. Von der „indogermanischen Rasse“ (!) heißt es dagegen, daß sie „alle übrigen Menschenrassen in geistiger Entwicklung mehrfach überflügelt“ habe, und endlich behauptet Haeckel auch, die Unterschiede der Menschenrassen seien weit bedeutender als die zwischen den Spezies der Bären, Wölfe oder Katzen. Entsprechend der Darwinschen These vom „Kampf ums Dasein“ und vom „Überleben der Tüchtigsten“ wird von den „Mittelländern“ (Europäern) behauptet, sie würden in absehbarer Zeit – vielleicht mit Ausnahme der Mongolen (Chinesen?) alle anderen Rassen erfolgreich verdrängen: „dagegen werden die übrigen Rassen, die ohnehin sehr zusammengeschmolzen sind, den übermächtigen Mittelländern im Kampf ums Dasein früher oder später gänzlich erliegen. Zum großen Teil werden sie schon jetzt durch die sogenannten ‚Segnungen der Zivilisation‘ aufgerieben; zum anderen Teil durch direkte Kämpfe und durch geschlechtliche Vermischung. Schon jetzt gehen die Amerikaner und Australier mit raschen Schritten ihrer völligen Ausrottung entgegen, und dasselbe gilt auch von den Weddas und Dravidas, den Papuas und Hottentotten.“ Von hier war es nur ein kleiner Schritt bis zu den chauvinistischen Äußerungen Haeckels im Jahre 1914, als er die Einnahme Londons, die Aufteilung Belgiens unter Deutschland und Holland, die Annexion der nordöstlichen Teile von Frankreich, die Annexion Polens, der baltischen Provinzen, des Kongogebietes und eines großen Teils der englischen Kolonien verlangte. Die monistische Ethik hatte ihn nicht vor solchen wahnhaften Forderungen bewahrt. hing Fetscher

Professor Iring Fetscher lehrt Philosophie und Politische Wissenschaft an der Universität Frankfurt und hat neben mehreren Büchern über Demokratie, Sozialismus und marxistische Theorie auch hintersinnige Märchenbücher verfaßt.