Von Wolfgang Boller

Jeden Morgen legen die Fischer von Gros Islet in der Hotelbucht am Cap Estate das Netz aus. Sie lassen sich ihre Fanggründe nicht nehmen. Und so tritt, abgewandten Gesichts, der Alltag vor das Schaufenster dieser Müßiggängeridylle, wo die Sonnenschirme wie Pilze sprießen und der Wind mit den Palmen schwätzt. Der Fischzug des Dorfs gleicht einer-Inszenierung zum Pläsier der Hotelgäste wie Limbotänze, Krabbenrennen oder Grillfeste: Die grell gemusterten Menschenschlangen an den Seilen wiegen sich rhythmisch wie Formationen eines exotischen Balletts, doch die Handgriffe sind vom Maß des Notwendigen bestimmt. Das wiedergefundene Paradies der Touristen ist ein fremdes, unverständliches Spiel von Tagedieben in ein und derselben Dekoration. Die Einheimischen kämpfen um Nahrung und Leben. Ihre Gesichter sind verschlossen, die Beute ist kärglich. Sie wünschen nicht, photographiert zu werden.

Den Gästen des Hotels "Cariblue" am paradiesischen Strand, in Reichweite schon der ersten Rumpunsche des Tages (Hibiskusblüte im Glas), gefällt gar der improvisierte Einbruch der Wirklichkeit einer Insel, die sie mit den Bildern ihrer Träume vergleichen: St. Lucia mit richtigen Fischern und Frauen aus dem Nachbardorf neben geschulten Kellnern und dem kleinen Schilfhutflechter Bill. Da ist doch vom unberührten Charme der Tropeninsel ein Rest geblieben, ist das Getto nicht rings umschlossen mit der Routine des arrangierten Scheins. Unerträglich wäre die Schönheit des Eilands, wenn es keinen Alltag gäbe, keine Wochenmärkte und Feierabendglocken, keine kaputtgefahrenen Asphaltstraßen, unberechenbare Kühe und nicht den weit verzettelten Autofriedhof am Straßenrand.

St. Lucia liegt wie ein Türkis in der Karibik, ein Tropfen Rum und Seligkeit in den blauen Fluten von Himmel und Meer. Das Vulkaneiland in der Gruppe der kleinen Antillen zählt zu den "Inseln über dem Wind", ist mit 616 Quadratkilometern ein wenig größer als Ibiza und hat ungefähr 120 000 Einwohner. Die Insel ist grün mit goldfarbenen Säumen. Es gibt Bananenhaine und Kakaoplantagen, Bambuswälder, Orchideen und bunte Vögel, Sandbuchten und vornehme Strandhotels (führend neun Häuser mit rund 2000 Betten). Die Küsten sind sanft und heroisch, die steilen Zwillingshügel der Pitons gleich einem doppelten Zuckerhut sind das Wahrzeichen des Archipels.

Die Einheimischen besingen St. Lucia in ihrer Nationalhymne als lieblichste Insel der Erde und nennen sie Helena des Westens. Wie um die schöne Helena der Sage haben, in der Tat, die Freier ihretwegen Kriege entfesselt, haben sich in einem Jahrhundert gegenseitig vierzehnmal hinausgeprügelt, sind vierzehnmal zurückgekommen und haben ihr schließlich als Unterpfand ihrer Zuneigung Englisch als Amtssprache und ein kreolisches Französich (sprich: Patois) als Mundart hinterlassen, Commonwealth, Demokratie auf der Basis konkurrierender Arbeiterparteien mit austauschbaren Idealen und Parolen, Planter’s Punch und eine katholische Liturgie;

Nach dem Sonntagsgottesdienst in Gros Islet spielt Küster Gaston auf dem Glockenspiel vor der Kirche "St. Joseph the Workman" den Schlußchoral mit mehr Swing, als dem originalen Liebengott der weißen Missionare wohl angemessen erschienen wäre. Gaston ist ein fröhlicher Diener des Herrn. Er hat neun Kinder, vier Bernfe (ohne das Kirchenamt) und eher einen Schuß Zuckerrohrschnaps denn Weihwasser im Blut. Nach den Gebeten und musikalischen Auftritten kehrt er in der Destille von Herbert Scott zum Frühschoppen mit Wassergläsern voll Rum ein. Dort verbreitet er sogleich zügellose Heiterkeit. Findet er hellhäutige Fremde vor, stößt er mit ihnen an, erkundet ihre Sprachkenntnisse und bringt ihnen zum eigenen kreischenden Vergnügen Grundbegriffe des lokalen Idioms bei. Und Herb mit listigen Augen und einem zerklüfteten Antlitz wie der legendäre Pirat Altes Holzbein füllt die Gläser aufs neue.

Auf der Insel St. Lucia mischt sich der Geruch von Pulver und Schwefel mit dem Duft von Hibiskusblüten, mit dem Geschmack salziger Brise und süßer Cocktails. Herb offenbart trinkfesten und wißbegierigen Besuchern. das Geheimnis des Planter’s Punch, der in den Tavernen fertig gemixt aus Flaschen eingegossen wird. Der Destillenwirt besitzt eine offizielle Ausschanklizenz für berauschende Getränke, eine Streckenkarte der Londoner Untergrundbahn, ein Farbphoto der Königin von England sowie der Fußballmannschaft von Liverpool und einen Wandspruch mit der Bitte an den himmlischen Vater aller schwarzen Kinder, ihm doch auch heute wieder beizustehen, das große Maul zu halten. Aber ein Rumcocktail ist ja kein politisches Manifest, also: "Man mischt einen Teil vom Sauren mit zwei vom Starken, drei vom Süßen und vier vom Schwachen. Das gibt den richtigen Planter’s Punch." Die übrigen von den 278 bekannten Rezepten für karibische Besäufnisse vorenthält der Pirat Altes Schlitzohr seinen Gästen, um die sich die klapprigen Stühle der Starkstrombeize wie Sitze eines Kettenkarussells zu drehen beginnen und ein Mantel von Wohlwollen und Müdigkeit die falschen Töne der Feuerwehrkapelle am Hotelschwimmbad gleich einem Schalldämpfer schluckt. Die Kleine Nachtmusik hätte sich die alleinreisende Musikfreundin aber vielleicht besser doch nicht wünschen sollen. So amüsieren sich die zahlenden Gäste im wiedergefundenen Paradies.