Von Klaus Viedebantt

Erinnern Sie sich an Erwin Kreuz? Sie brauchen sich keiner Bildungslücke zu schämen, wenn Ihnen dieser Name nichts sagt, auch wenn der Süddeutsche einmal für ein paar Tage beiderseits des Atlantiks Schlagzeilen machte und in den USA zum Indianerhäuptling ehrenhalber ernannt wurde. Die kuriose Geschichte spielte sich 1977 ab: Erwin Kreuz, ein Brauereiarbeiter aus Adelsried im Landkreis Augsburg, war mit einem preiswerten ABC-Flug aus seiner bayerischen-schwäbischen Heimat nach Amerika aufgebrochen. Er war zwar der englischen Sprache nicht mächtig, aber San Francisco wollte er unbedingt sehen.

Der lange Flug in den goldenen Westen war mit einem Zwischenstopp geplant: Auf dem ersten Flughafen der USA, in Bangor im Bundesstaat Maine, sollte die Maschine aufgetankt werden, die Pause diente den Zollbeamten auch für die Gepäckkontrolle. Der Adelsrieder aber hatte all das nicht so richtig verstanden, wähnte sich bereits am Ziel seiner Reise, schnappte seinen Koffer und machte sich auf in die Staat, die er für einen Vorort von San Francisco hielt. Drei Tage lang zog er durch Bangor, ehe er, so die Geschichte, an einen deutschstämmigen Gastwirt geriet, der den Besucher aufklärte.

Das war die rechte Story für die flaue Sommerzeit und für die nicht gerade von Touristen überlaufene Kleinstadt. Denn mit viel mehr als einem Zwischenstopp-Flughafen konnte sich Bangor bis dato nicht rühmen. Und nun brachte Erwin das Städtchen in alle Gazetten; kein Wunder, daß die Bürger sich dankbar zeigten. Sie beschenkten ihn mit ihrer Ehrenbürgerschaft, der Gouverneur von Maine nutzte die Publicity zu einem Dinner mit dem Fremdling und zwei Damen von Bangor trugen dem Gast in den besten Mannesjahren ihre Herzen und Hände an. Im Heimatland Deutschland erfreute man sich an dieser heiteren Deppen-Geschichte und überhörte die zynische Mahnung, daß es sich bei dieser Reise um ein außergewöhnlich geschickt eingefädeltes Reklame-Unternehmen handeln könnte: Der Brauerei-Besitzer, dem der Kreuz Erwin ansonsten dient, hätte seinen rückkehrenden Mitarbeiter wohl nicht einfach nur so mit einem roten Teppich empfangen. Die Fluggesellschaft hätte wohl auch mit gutem Grund die Pressephotografen bestellt. Und die Regierung von Maine, die sich in den Vereinigten Staaten heftig um Touristen bemüht, könnte ja auch nur profitieren von der vermeintlichen Panne, zumal sich Kreuz nur lobend über sein unfreiwilliges Ferienziel äußerte und im Jahr darauf zurückkehrte.

Aber gegen solche Unterstellumg muß man zumindest die, Regierung von Maine in Schutz nehmen, denn Bangor ist nicht gerade ein Juwel im Urlaubsangebot des kleinen Staates. Die drittgrößte Stadt von Maine, tief im Landesinneren gelegen und ein regionales Industrie- und Handelszentrum (gemeinsam mit der am anderen Flußufer liegenden Schwesterstadt Brewer) ist ein ziemlich gesichtsloses Gemeinwesen. Daran ändern auch die zwei hübschen Kirchen im Kolonialstil nicht viel, die paar Bauten im Stil der Gründerjahre und einige übriggebliebene Holzhäuser aus früheren Jahren. Bangor ist alles andere als ein Bilderbuch-Beispiel für den Charme der Neuenglandstaaten, das scheinen seine Bürger schon seit einiger Zeit zu wissen. Wie sonst sind die rührenden Versuche zu erklären, entlang einem kleinen Bach in der Innenstadt einen Park mit Bäumen und historischen Ausstellungsstücken anzulegen, wie sonst sind die Bemühungen zu verstehen, einen kleinen Platz an der Hauptstraße mit einer mächtigen modernen Plastik zu zieren? All dies kommt aber nicht recht zur Wirkung, weil die Innenstadt ansonsten wirkt wie eine unkontrolliert gewachsene Dorfhauptstraße und der Penobscot River, der zwischen Bangor und Brewer entlangfließt, konsequent in Beton verpackt, von seinem Reiz weiter flußaufwärts nichts mehr preisgibt.

Die Umgebung der Stadt, der Verwaltungsbezirk Penobscot-Acadia und überhaupt der Staat Maine haben solch herbe Worte allerdings nicht verdient. Die Küste und die weiten Wälder im Landesinneren zählen zu den schönsten Landschaften in Neuengland – und zu den am wenigsten überlaufenen. Maine ist der nördlichste der Neuenglandstaaten und damit am weitesten entfernt von den Millionenzentren New York oder Boston. So weit fahren selbst Amerikaner selten an einem Wochenende, die meisten haben ihre Ferienhäuser weiter südlich. Und die benachbarten Kanadier haben im eigenen Land genug Auslauf und ebenso weite Wälder und schroff-romantische Küsten.

Die etwas abgeschiedene Lage des nördlichen Maine bewahrt diese Region zwar vor allzu vielen Ausflüglern und Wochenend-Urlaubern, aber als Urlaubsziel hat Maine mit seiner 5600 Kilometer langen Küstenlinie in den USA einen vorzüglichen Namen. Deshalb ist in den Sommermonaten auch auf den vielen kleinen Inseln kaum noch eine Unterkunft zu finden, sind die Badeorte an der Küste ohnehin ausgebucht – und im Winter die Skisportzentren in den Bergen.