ARD, Sonntag, 9. Januar, 22.55 Uhr: Bekenntnis zum Anderssein – Homosexuelle Jugendliche und ihre Eltern", Film von Lucas Maria Böhmer und Rudi Finkler

Ein Junge schrieb nach den Dreharbeiten, ob man ihn nicht doch aus der ganzen Sache heraushalten könnte – seine Eltern hatten Angst vor den Nachbarn bekommen. Ein Angestellter, der interviewt worden war, fürchtete um seine bevorstehende Ernennung zum Beamten; sein Gesicht mußte im nachhinein geschwärzt werden. Einem 16jährigen, der in einem Hamburger Heim lebt, verbot die Heimleitung, sich in dem Film zu äußern. Die Erfahrungen, die Lucas Maria Böhmer und Rudi Finkler bei der Arbeit an dem 45-Minuten-Film "Bekenntnis zum Anderssein" machten, zeigen deutlich: auch heute, 13 Jahre nach der Reform des Paragraphen 175, ist es immer noch ein gewagtes Unterfangen, über homosexuelle Jugendliche, ihre inneren Nöte und äußeren Probleme zu berichten.

Das zeigte sich nicht nur an den Schwierigkeiten, überhaupt Gesprächspartner zu finden. Das setzte sich fort über Volkes Stimme, auf der großen Einkaufsstraße im liberalen Hamburg eingefangen: "Die sind nicht normal, da gibt’s doch gar nichts, das ist gegen die Natur." Und das endete beim auftraggebenden Hessischen Rundfunk, der dem ursprünglichen Titel "Es geht auch anders" nicht zustimmen mochte – weil der zu positiv sei, zu ermutigend und ermunternd.

Mit allen Widrigkeiten und deprimierenden Erfahrungen gelang den beiden Autoren ein beeindruckendes, ernüchterndes Dokument. Drei Millionen homosexuelle Männer und Frauen, so wird geschätzt, leben in der Bundesrepublik – darunter mehrere hunderttausend Jugendliche unter 21 Jahren. Ihnen wird es, vor allem in Kleinstädten und noch mehr auf dem Land, in aller Regel fast unmöglich gemacht, zu ihrer Sexualität ein unverkrampftes Verhältnis zu finden. Neben dem Versagen in der Schule, heißt es in dem Film, ist Homosexualität eines der häufigsten Selbstmordmotive bei Jugendlichen.

Böhmer und Finkler zeigen die Jugendlichen, die es in Selbsthilfegruppen geschafft haben, mit dem Unverständnis und der Verachtung ihrer Umwelt fertig zu werden – und auch die, die so verständnisvolle Eltern hatten, daß es ihnen nie ein so schreckenserfülltes Problem sein mußte. Das sind natürlich nur die untypischen, schwulenpolitisch engagierten oder besonders glücklichen Ausnahmen – und erst recht fallen die Eltern aus dem Rahmen, die sich bereit erklärten, vor der Kamera zu erzählen, wie sie "es" denn aufgenommen und verarbeitet haben – mal schwatzhaft-scheinprogressiv, mal nachdenklich-zurückhaltend, gelegentlich in einem Vokabular, daß man merkt, die vermeintlich vorbehaltlose Zustimmung zu der geschlechtlichen Orientierung der Tochter oder des Sohnes ist so ganz ohne Reserven doch nicht.

Als Ratgeber für betroffene Jugendliche ist der Film freilich nur bedingt geeignet – abgesehen davon, daß er am Sonntag abend um fünf vor elf ausgestrahlt wird.

Um so überzeugender ist der dokumentarische Wert des Films: Ob es nun um die mutigen Erklärungen von Jugendlichen und ihren Eltern vor der Kamera geht, ob es das kurze Interview mit dem schwulen KZ-Opfer ist, das bis 1969 verfolgt wurde – oder eben der Hinweis darauf, daß es nur für junge männliche Homosexuelle ein zweifelhaftes "Schutzalter" gibt, das diese als Diskriminierung empfinden und erleben. Klaus Pokatzky