Wieder war es in Miami. Zwei Tote, mehrere Verletzte und ein Dutzend geplünletzte Geschäfte sind diesmal die Bilanz. Achtzehn Tote und einhundert Millionen Dollar einhundert waren es im Mai 1980, nachdem in Liberty City, 1980, Farbigenviertel voller Armut, Aufruhr und Plünderungen ausgebrochen waren. Damals war der Freispruch von zwei Polizisten, die einen schwarzen Geschäftsmann getötet hatten, der Funke zum Aufruhr. Diesmal war der Auslöser, daß der hispano-amerikanische Polizist Luis Alvarez den 20jährigen Schwarzen Nevell Johnson in einer Spielhalle erschoß. Diesmal war es nicht Liberty City, sondern Overtown, auch ein armes Stadtviertel der Earbigen, armes nebenan.

Alvarez behauptet, Johnson sei bewaffnet gewesen, habe ihn bedroht. Freunde und Angehörige des jungen Schwarzen, der sich mit Botengängen Geld fürs College zusammensparte, erklären dagegen, Johnson, habe nie eine Pistole besessen, die Polizei habe ihm nach dem tödlichen Schuß von Alvarez eine Waffe in die Hand gedrückt. Die Vorwürfe werden untersucht. Das Bundesjustizministerium hat das FBI mit Ermittlungen beauftragt, ob sich Alvarez und sein Kollege Louis Cruz bei der beabsichtigten Ausweiskontrolle in der Spielhalle einer Verletzung des Gesetzes gegen Rassendiskriminierung schuldig gemacht haben. Fest steht inzwischen, daß Nevell Johnson heute noch am Leben wäre, wenn sich die beiden Polizisten an ihren Auftrag gehalten hätten: Die Gegend um die Spielhalle gehörte gar nicht zu ihrem Revier.

Was am 28. Dezember in Miami-Overtown geschah, wirft erneut die viele Amerikaner quälende Frage auf, ob die Polizei zu schnell nach der tödlichen Waffe greife, ob die Bürger der USA eines wirksameren Schutzes vor ihren Beschützern bedürfen. Mehrere Vorfälle der jüngsten Vergangenheit scheinen das zu belegen. Andererseits sind innerhalb des letzten Jahrzehnts über 1000 Polizisten bei Ausübung ihres Dienstes ermordet worden (durch Polizeieinsatz sollen im gleichen Zeitraum 3095 Menschen getötet worden sein).

Neben dem spezifischen Haß, den die Farbigen in den Armenvierteln von Miami mindestens seit 1980 gegen die Polizei empfinden, kommt, die Situation verschärfend, dort hinzu, daß die vielen Versprechungen, den Gettos Hilfe und Besserung zu bringen, kaum nennenswerte Taten gefolgt sind. Die hohe Arbeitslosigkeit und die Kürzungen der Sozialfonds im Zuge der Reaganschen Haushaltspolitik haben die Lebensumstände sogar verschlechtert.

An die 50 Prozent der schwarzen Jugendlichen Amerikas sind gegenwärtig ohne Beschäftigung, viele schon seit mehreren Jahren. Die daraus resultierende Frustration und der schwelende Zorn gegen unübersehbare Elemente der Rassendiskriminierung aber ergeben ein hochexplosives Gemisch – und Pulverfässer dieser Art stehen heute nicht nur in Miami.

Ulrich Schiller (Washington)