Die meisten deutschen Unternehmen klagen über sinkende Erträge, unbefriedigenden Umsatz und trübe Aussichten für 1983 – aber ihre Aktien verkauften sie bestens. In den Börsensälen herrschte zum Jahreswechsel Hochstimmung und ein in der übrigen Wirtschaft selten gewordener Optimismus. Gemessen am Commerzbank-Index sind die Kurse deutscher Aktien im vergangenen Jahr um 13,1 Prozent gestiegen; der letzte Börsentag des abgelaufenen Jahres brachte noch einmal neue Höchstkurse.

Der Pleitenrekord 1982 und selbst die Aussicht, daß es im neuen Jahr noch schlimmer kommen könnte, verdarben die Stimmung ebensowenig wie die fast täglich eintreffenden Meldungen über neue Entlassungen, steigende Arbeitslosenzahlen oder drohende Dividendenkürzungen. Alle diese Negativnachrichten haben die Aktienkäufer bisher nicht bremsen können – und nicht einmal die bevorstehenden Neuwahlen zum Bundestag.

Besonders frohe Gesichter machten diesmal die Rentenhändler der Banken. Mit festverzinslichen Papieren haben sie ein Umsatzvolumen bewältigt wie noch nie zuvor. Ihre Provisionseinnahmen erreichten damit ebenfalls einen neuen Rekord. Was noch wichtiger ist: Durch geschickten An- und Verkauf von Anleihen und Pfandbriefen auf Rechnung der Institute wurden beträchtliche Gewinne erzielt. In den Vorstandsetagen der Banken sind solche Erfolgsmeldungen höchst willkommen. Die Gewinne im Börsensaal werden dringend gebraucht, um Risikovorsorge für Kredite an Gläubiger zu betreiben, die nicht mehr über alle Zweifel erhaben sind – ob sie nun im Ostblock oder Südamerika sitzen.

Den Auftrieb verdankten die Aktien- und Rentenkurse vor allem der Zinssenkungspolitik der Deutschen Bundesbank. Vom Herbst 1981 an haben die Frankfurter Währungshüter – zunächst sehr behutsam – jeden sich bietenden Spielraum genutzt, um Geld wieder billiger zu machen. Wie sich das am Kapitalmarkt ausgewirkt hat, läßt sich am Zinssatz der Bundesanleihen ablesen. Im September 1981 mußte der Bund für seine zehn Jahre laufenden Emissionen einen Spitzenzinssatz von 10,75 Prozent bewilligen. Die diesjährige "Silvester-Anleihe" des Bundes ist nur noch mit einem Nominalzinssatz von 7,5 Prozent ausgestattet. Das ist zwar eigentlich etwas zu mager, wurde von Banken und Börsen aber dennoch akzeptiert. Sie hoffen, daß mit diesen Konditionen die nächste Diskontsenkung vorweggenommen wird, die vielleicht schon im Januar kommt. Der Dollarkurs, der zwischen Anfang und Ende Dezember von 2,43 auf 2,38 Mark gefallen ist, würde der Bundesbank diesen Schritt erlauben.

Nicht nur Bundesbürger eilten in den vergangenen Monaten in der Hoffnung auf bessere Zeiten wieder an die deutschen Börsen. Auch die Ausländer kamen wieder. Sie haben in den letzten Monaten nicht nur Anleihen, sondern auch Aktien gekauft. Gnade vor den Augen der Ausländer fanden allerdings nur die Papiere solcher Unternehmen, die als gut fundiert gelten und auch in schlechten Zeiten noch mit respektablen Gewinnen aufwarten können.

Da die inländischen Aktienkäufer ähnliche Maßstäbe anlegten, hat sich 1982 die Spreu vom Weizen getrennt. Hinter dem Anstieg des Aktienindex verbergen sich deshalb höchst unterschiedliche Entwicklungen. Das vergangene Jahr hinterließ nicht nur glückliche Aktienbesitzer, sondern auch eine große Trauergemeinde. Dazu gehören zum Beispiel die Millionen Aktionäre der deutschen Großchemie, die weitere Kursverluste erlitten (siehe auch Tabelle Seite 17).