Das alte Jahr ist zu Ende. Das neue Jahr hat begonnen. Endlich hat auch der Kalender den Mut zur Wende gehabt. Jetzt kann alles anders, jetzt muß alles besser werden.

Die Deutschen, hat unser neuer Bundeskanzler zum Jahreswechsel gesagt, haben die Kraft zur Erneuerung. Er hat die Kraft, das sieht man. Aber ich, obwohl ich doch auch ein Deutscher bin, spüre die Kraft zur Erneuerung einfach noch nicht. Woher bloß nehme ich die Kraft – denn den Bundeskanzler enttäuschen möchte ich nicht.

Wie gut, daß es die Bücher gibt – da mögen zwar Verlage Bankrott machen, da mögen zwar einige (überflüssige, intellektuelle) Literaturzeitschriften eingehen, das gute Buch hat immer eine Chance; vor allem, wenn es dem Leser die Chance zur moralisch-sittlichen Erneuerung gibt.

Auf zwei Bücher der kommenden Frühjahrsproduktion setze ich dabei ganz besondere Hoffnungen, das eine erscheint im tüchtigen Ullstein-Verlag, das andere im nicht minder tüchtigen Bertelsmann-Verlag.

Gabrielle Brown ist Dozentin für Psychologie an der Universität von Berkeley. Bei Ullstein erscheint demnächst (am 17. Februar) ihre Streitschrift "Liebe ohne Sex". Mrs. Brown weiß, wovon sie redet und schreibt: "Sie hatte selbst die übersättigten Vorstellungen vom sexuellen Verhalten erfahren, bis sie zur neuen Freiheit der Enthaltsamkeit fand. Das Ergebnis ihrer Befragungen von Männern, Frauen und verheirateten Paaren zeigt: Liebe ohne Sex ist ein besserer Weg, einander zu lieben."

Wunderbar. Frühling, du kannst kommen, diesmal wirst du uns nicht betören. Mag 1983 auch ein Wagner-Jahr sein (Die Wälsungen! Die Winterstürme weichen dem Wonnemond!), mag 1983 auch ein Luther-Jahr sein ("In der Woche zwier, macht im Jahre hundertvier") – der deutsche Mann und die deutsche Frau lassen sich auch von den großen Geistern der deutschen Geschichte nun nicht mehr ins Reich der Sinne locken. Weil’s einfach zu viel Kraft kostet. Kraft, die wir jetzt für Besseres brauchen, für die Erneuerung.

Vorbei die langen, faulen Vormittage im Lotterbett. Der frische Frühlingstag 1983 beginnt in aller Herrgottsfrühe, noch vor dem ersten Hahnenschrei, vielleicht mit jenem kleinen "nationalen Gebetsfrühstück", das unser Bundespräsident kurz vor Weihnachten angeregt hat. Danach ein kleiner, kräftigender Morgenspaziergang (fünfzehn bis zwanzig Kilometer), und dann ist endlich Zeit zur geistigen Einkehr, Zeit für ein anderes gutes Buch (denn "Liebe ohne Sex" können wir mittlerweile auswendig). Im Schatten einer Linde, am Brunnen vor dem Tore lesen wir gemeinsam "Deutsche Gedichte", herausgegeben von Karl Carstens bei Bertelsmann. Hierzu der Verlag: