Von Theo Sommer

Kommt es im Jahre 1983 zu einem Gipfeltreffen zwischen Ronald Reagan und Jurij Andropow? Nach dem Signalaustausch der letzten Tage ist es nicht mehr auszuschließen. Es wäre auch höchste Zeit.

Der neue Mann im Kreml ist zu einer Begegnung bereit, wenngleich er sie an die Voraussetzung "einer guten Vorbereitung" knüpft. Reagan drückt sich ganz ähnlich aus ("angemessene Vorbereitung und gute Aussichten"); und immerhin hat das Weiße Haus unlängst ausdrücklich dementieren lassen, daß ein amerikanisch-sowjetischer Gipfel für 1983 nicht geplant sei. Beide Staatsmänner ergehen sich zudem in Artigkeiten, wie sie lange nicht mehr zu hören waren: Andropow wünschte den Amerikanern "aufrichtig Wohlergehen und Glück"; Reagan aber bekundete Optimismus im Hinblick auf die Genfer Abrüstungsgespräche und setzte mit auffälliger Betonung hinzu, er glaube, daß die Sowjets ernsthaft verhandelten.

Tauwetter also im Verhältnis der beiden Supermächte? Der Begriff ist schon zu oft strapaziert worden, als daß er leichthin einem Vorgang als Etikett aufgeklebt werden dürfte, der allenfalls Lockerung, Entkrampfung, Versachlichung verspricht. Aber auch das wäre ja schon viel nach fast vier Jahren, in denen der Argwohn und die Angst voreinander größer waren als jene Einsicht in die Verantwortung der Großen, die der Papst in seiner Neujahrsrede so formulierte: "Der Frieden kann nicht von dem einen oder dem anderen aufgebaut werden."

In der Tat, sie müssen zusammen reden: nicht nur Unterhändler, strikt an Weisungen gebunden, die oft genug nur windelweiche Kompromisse im Widerstreit bürokratischer Interessen darstellen, sondern die Männer mit der Richtlinienkompetenz, mit der Entscheidungsgewalt, mit der letzten Verantwortung der Prinzipale. Sie müssen einander Maß nehmen; müssen Vertrauenswürdigkeit aus eigener Kenntnis begründen; müssen auf jeden Fall auch ihr gegenseitiges Mißtrauen aus persönlichem Erleben und unmittelbaren Eindrücken rechtfertigen können.

Für eine baldige Begegnung Reagans mit Andropow sprechen eine Reine von Gründen.

Erstens: Breschnjews Nachfolger hat sich erstaunlich rasch in der Macht eingerichtet. Es gibt kein Interregnum im Kreml. Obendrein ist Andropow als Außenpolitiker schneller ins Rampenlicht getreten, als die meisten westlichen Beobachter dies erwartet hatten. Seine Vorschläge zur Abrüstung sind seriös, wenngleich die Nato-Partner sie nicht als letztes Wort akzeptieren können. Sie verdienen mehr als die verlegen-schwächlichen Abspeisefloskeln der Feiertags-Stallwachen in den westlichen Hauptstädten – eine ernsthafte Antwort, bevor der neue Ansatz des neuen Mannes wieder vom Starrsinn der Apparatschiks erstickt wird. Reagans Bereitschaft zu einem Gipfeltreffen könnte am ehesten den Verdacht zerstreuen, der auch viele Verbündete plagt: daß Washington mit seinen jüngsten Abrüstungsbekundungen vor allem propagandistische Entlastung sucht, nicht jedoch auf ernsthafte sowjetische Zugeständnisse auch ebenso ernsthaft eingehen wird.