Manchmal sind Erdbebenforscher sogar gute Wetterfrösche. Immer wenn ein Sturmtief die Nordsee aufwühlt, schlagen die empfindlichen Meßgeräte der Seismologen stärker aus als gewöhnlich. Für Helmut Aichele vom Seismologischen Zentralobservatorium in Erlangen ist eine solche „verstärkte Bodenunruhe“ ein böses Wetteromen. „Bald wird es auch hier in Franken regnen“, orakelt er mit Blick auf die Seismogramme – und behält meist recht.

Wenn nämlich schwere Grundseen so richtig gegen die skandinavische Nordseeküste branden, erzittert beinahe der ganze Kontinent, sogar bis ins weit entfernte Erlangen. In der dünnen Haut der Erde, der sogenannten Erdkruste, pflanzen sich die von den Nordseewellen erzeugten Erschütterungen wie Erdbebenwellen fort. Seismometer registrieren sie noch in weiter Ferne als leichtes Zittern.

Jene dünne Haut der Erde soll vom nächsten Jahr an mit einem großen europäischen Gemeinschaftsprojekt erforscht werden. In einer „Europäischen Geotraverse“ wollen die Erdwissenschaftler dem Kontinent auf den Grund gehen: Sieben Jahre lang werden sie die Struktur des Untergrundes unter Europa und dem Mittelmeerraum entlang einer Linie (im Fachjargon: Profil) zwischen Nordkap und Tunesien erkunden.

Das Vorhaben hat auch einen globalen Aspekt, wie der deutsche Projekt-Koordinator Professor Peter Giese von der Freien Universität Berlin erläutert: „Unser Forschungsprogramm ist Teil des weltweiten Lithosphären-Projektes.“ Als Lithosphäre bezeichnen Geologen die obersten hundert Kilometer der Erde. Schon häufig fanden sich Erdwissenschaftler zu großen Gemeinschaftsprogrammen zusammen, so zum Internationalen Geophysikalischen Jahr oder zum Geodynamik-Projekt (siehe ZEIT 40/82). Nun steht die Erkundung der Kontinente auf dem Programm. Peter Giese: „Die Geotraverse ist der europäische Beitrag dazu.“

Das 4000 Kilometer lange Profil eröffnet den Forschern einen Querschnitt durch die gesamte Erdgeschichte. Der skandinavische Kontinental-Kern formte sich vor Milliarden Jahren. Seine Granit-Gesteine stammen aus dem Präkambrium, der Erdurzeit vor mehr als 600 Millionen Jahren. Der Mittelabschnitt der Geotraverse liegt hauptsächlich in der Bundesrepublik. Hier durchschneidet sie Gesteine des Erdaltertums (600 bis 225 Millionen Jahre) und des Erdmittelalters (225 bis 65 Millionen Jahre). Im südlichen Abschnitt durchquert die Traverse die geologisch jungen Alpen und den auch heute noch tektonisch aktiven Mittelmeerraum.

Die Geowissenschaftler wollen während des Vorhabens versuchen, bis zu 100 Kilometer tief in den Untergrund zu blicken. „Wir wollen erfahren“, erläutert Peter Giese, „wie sich die Erdkruste in den verschiedenen geologischen Epochen entwickelt hat.“

Giese und seine Kollegen setzen dabei die ganze Palette erdwissenschaftlicher Forschungsmethoden ein. So sollen das lokale Magnet- und Schwerefeld vermessen und die örtlichen elektrischen Erdströme aufgezeichnet werden. Die European Science Foundation (Europäische Wissenschaftsstiftung) hat dem Projekt vor kurzem ihren Segen gegeben. Und auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft will sich finanziell beteiligen.