Von Klaus Harpprecht

Als im März 1979 Jean Monnet zu Grab getragen wurde, der Begründer unserer europäischen Institutionen, fanden sich in der deutschen Presse nur einige Nachrufe von konventioneller Dürftigkeit. Der Bonner Prominenz fielen nicht mehr als die üblichen, armseligen Phrasen ein. In Frankreich retteten sich die Kommentatoren in den Ausdruck verlegenen Respektes. Es schien, als habe Europa den Mann schon halb vergessen, der die Formen und die Substanz seiner Kooperation nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend geprägt hat. Das Werk blieb unvollendet, das weiß man. Es ist noch immer gefährdet, auch darüber herrscht Klarheit. Doch die Beiläufigkeit, mit der man sich von dem Baumeister des großen Fragments verabschiedet hat, kam einer politisch-moralischen Bankrott-Erklärung nahe.

In der "New York Times" aber, wenngleich unter den Leserbriefen, war damals ein Gedenkwort zu entdecken, dessen noble Wahrhaftigkeit und passionierte Entschiedenheit jeden Europäer beschämte. Als Autor zeichnete George W. Ball, ein enger Freund und getreuer Berater des Toten, Dieser Amerikaner schien der Einigung Europas leidenschaftlicher und loyaler verschrieben zu seit als die Europäer selber.

Ball wird – "elder statesman" und immer noch Partner des angesehenen Finanzhauses Lehmann Brothers – gern als Paradefall des "Eastern Establishment" zitiert. Doch er selber weist darauf hin, daß er in der tiefsten Provinz des Mittleren Westens: in Iowa zur Welt kam. In Chicago ging er zur Schule. Dort studierte er auch. Er besitzt kein Diplom einer Elite-Universität. Hätte der "New Deal" Franklin Roosevelts nicht ganze Heere junger Talente für den Dienst in der Hauptstadt rekrutiert, dann wäre er vermutlich ein angesehener, vielleicht auch mächtiger Anwalt in seiner engeren Heimat geworden, weltläufig und gebildet wie sein Kollege und Freund Adlai Stevenson, nicht notwendig von politischen Ambitionen vorangetrieben.

Sein "Europäertum", von dem sehr wohl die Rede sein darf, ergab sich aus der Begegnung mit Jean Monnet, der nach dem Krieg in einem Washingtoner Büro Pläne für den Wiederaufbau der Alten Welt entwarf. Dazu bedurfte es amerikanischer Hilfe – Und eines amerikanischen Gehilfen: George Ball’s, der von der ersten Stunde von der konstruktiven und so eminent praktischen Genialität des Franzosen fasziniert war. Die transatlantische Partnerschaft, die in langen Jahren der engsten Zusammenarbeit entstand, muß ein politischer und menschlicher Glücksfall genannt werden. Ball hat von ihr liebevoll und geistreich in seinen Memoiren erzählt: