Simone de Beauvoir im Gespräch mit Alice Schwarzer

Simone de Beauvoir, die Schriftstellerin, die Feministin, die am 9. Januar 75 Jahre alt wird, im Gespräch mit der Schriftstellerin und Feministin Alice Schwarzen Ein Dialog über die Freiheit, die Frauen sich nehmen müssen, wenn sie frei sein wollen, und über Simone de Beauvoirs Beziehung zu Jean-Paul Sartre, mit dem sie zeitlebens verbunden war. Die gesammelten Gespräche zwischen Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer erscheinen in diesen Tagen im Rowohlt Verlag.

Schwarzer: "Die Zeremonie der Abschiede" erscheintjetzt auf deutsch. Die Veröffentlichung der Briefe Sartres, die Sie zur Zeit in Frankreich vorbereiten, wird folgen. Reden wir also von Ihrer Beziehung zu Sartre: diese Beziehung, die für mehrere Generationen das Modell einer Liebesbeziehung in Freiheit war – und vielleicht noch immer ist. Was wird man in diesen zwei Büchern Neues erfahren, Neues über ihn und Sie beide?

Beauvoir: Daß es eine sehr zärtliche und gleichzeitig sehr heitere Beziehung war. Und eine sehr vertrauensvolle Beziehung, intellektuell wie gefühlsmäßig. Das zeigen die Briefe, die Sartre mir schrieb, als er Kriegsgefangener war (unter sehr günstigen Bedingungen, er hatte sogar einen Schreibtisch). Er hatte einen Prolog zu "Zeit der Reife" geschrieben, der ihm sehr am Herzen lag. Nach meiner Kritik hat er ihn ganz und gar zerissen, ja, sich sogar ganz davon distanziert. Kurzum, man sieht in den Briefen auch den Einfluß, den ich als Kritiker auf ihn hatte, so wie er als Kritiker auf mich. Die Inspiration war eine persönliche Sache für jeden von uns, aber bei der darauf folgenden Umsetzung war jeder außerordentlich empfänglich für die Kritik des anderen. Man sieht auch in diesen Briefen, daß er in bezug auf sein Gefühlsleben ein totales Vertrauen in mich hatte, denn er erzählte mir all seine Geschichten, selbst die Details. Zum Beispiel seine Geschichte mit Wanda: Über alles, was er empfand, hielt er mich Tag für Tag auf dem laufenden, über seine Krisen und Leidenschaften...

Schwarzer: ... tat das nicht weh?

Beauvoir: Nein. Wir hatten ein vollständiges gegenseitiges Vertrauen ineinander. Jeder wußte, daß der andere der wichtigste Mensch in seinem Leben ist – was auch immer kommen mag.