Bis zum 31. Januar noch ist im Schiller-Nationalmuseum in Marbach am Neckar die Kabinett-Ausstellung zu sehen: "Améry – Unterwegs nach Oudenaarde", zu der auch, als Heft 24, ein "Marbacher Magazin" erschienen ist, dem wir das Photo dieser Seite entnehmen (Redaktion: Friedrich Pfäfflin; 80 S., Abb., 5,–DM). Der 31. Januar vor 50 Jahren war eines der schlimmsten Daten im Leben des am 31. Oktober 1912 in Wien geborenen Hans Maier, dessen Vater 1917 als Tiroler Kaiserjäger gefallen ist. Der Autor, der sich jetzt Hanns Mayer schrieb, hatte gerade versucht, sich mit der "kritischen Zeitschrift" Die Brücke und mit dem (ungedruckt gebliebenen) Roman "Die Schiffbrüchigen" in der literarischen Welt bekannt zu machen, als ihn die am 31. Januar 1933 an die Macht gekommenen Nazis ins Exil treiben. In Belgien wird er von seinen rassewütigen Verfolgern aus Deutschland geschnappt. Wiederholt gelingt dem Gefolterten die Flucht, bis er, wieder eingefangen, mit der Häftlingsnummer 172 364 in Auschwitz verschwindet. Vor den anrückenden Soldaten der Roten Armee evaquiert, kommt Améry nach Buchenwald, dann ins KZ Bergen-Belsen, wo ihn die Engländer befreien. Als der 45 Kilo schwere Améry, einer der 615 Überlebenden von 23.000 aus Belgien deportierten Juden, nach Brüssel zurückkehrt, wo sich seine Frau während der Besatzung versteckt hielt, erfährt er, daß sie schon vor einem Jahr gestorben ist und notiert: "... noch einmal überaus leicht geworden nach dem Tode des einzigen Menschen, um dessentwillen ich zwei Jahre lang Lebenskräfte wach erhalten hatte." Erst jetzt kann sich der Schriftsteller Jean Améry, wie er sich seit 1955 nennt, entwickeln. Doch erst 1965, nach zwanzig Jahren Arbeit ausschließlich für Schweizer Zeitungen, publizierte er auch in der Bundesrepublik. Die großen Bücher entstehen: "Jenseits von Schuld und Sühne", "Über das Altern", "Unmeisterliche Wanderjahre", "Lefeu oder Der Abbruch", "Hand an sich legen – Diskurs über den Freitod", "Charles Bovary"). In der Nacht vom 16./17. Oktober 1978 nimmt sich Améry in Salzburg das Leben. Anhand des Marbacher Magazins kann man lernen, wie vor dem Hintergrund der Arbeit Amérys als politischer Publizist – so Pfäfflin –: "die Themen des Spätwerks tiefer verwurzelt als bisher anzunehmen war." rm