München: „Josef Scharf 1896–1954“

Auf einem Bild aus dem Jahr 1925 sitzen drei Kaufleute um eine Tisch, offensichtlich damit beschäftigt, einen Vertrag auszuhandeln. Die Szene ist schräg von oben gesehen (ein Kunstgriff, den Scharl öfters anwandte, er ermöglicht eine Perspektive, die an ein Blick durch ein Mikroskop erinnert), und dadurch wird die Aufmerksamkeit auf die Hände gelenkt, die sprechend enthüllen, was die ziemlich unbeteiligten Mienen der Verhandelnden verschweigen. Scharfe Kritik an den herrschenden Verhältnissen war unsentimental, aber genau, der gebürtige Münchner war kein Grosz (und wollte auch keiner sein), er hat die Wirklichkeit nicht übertrieben, für ihn war sie bereits grotesk genug. Scharl, im ersten Weltkrieg schwer verwundet, wurde ein Pazifist. Sein „Gefallener Soldat“, 1932 als Menetekel gemalt, ist kein verklärter Held, hingerafft auf dem Feld der Ehre, sondern eine geschundene Kreatur, die in einem Stacheldrahtverhau einsam krepiert. Er hatte Mitleid mit den Menschen und zeigte dies ganz unverstellt schon durch seine Malweise, die sich an die van Goghs anlehnte, eines Künstlers, der an der Verständnislosigkeit seiner Umwelt scheiterte. In einem seiner Hauptwerke, „Blinder Bettler im Café“ (1927), steht nicht dieser Bettler im Mittelpunkt, die Botschaft des Bildes ist enthalten in dem stummen Dialog zwischen einem der Kaffeehausbesucher und dem Kellner, der den Blinden und die ihn begleitenden Krüppel aus dem Lokal weist: Dieser Gast, der den Kellner (er trägt ein bereits damals viel karikiertes Bärtchen) mit weitaufgerissenen, traurigen Augen anschaut, hat unverkennbar die Züge Vincent van Goghs. Scharls Malerei war nicht auf einen parteipolitischen Standpunkt festzulegen, er war ein Realist, der Partei ergriff für den Menschen und damit auch gegen die Ideologien, die ihn zu ihrem Werkzeug machten. Die aufgeklärt bürgerliche Haltung seiner Malerei war nach 1933 unerwünscht – als das Dritte Reich die sogenannte entartete Kunst 1938 zur Abschreckung noch einmal präsentierte, hat er Deutschland verlassen und ist in die Vereinigten Staaten emigriert. Bis zu seinem Tode hat er das Land seiner Geburt nicht mehr betreten. (Städtische Galerie im Lenbachhaus, bis zum 30. Januar; Katalog 28 Mark, im Buchhandel 38 Mark) Helmut Schneider

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Zeitgeist – Internationale Kunstausstellung“ (Martin-Gropius-Bau bis 16. 1., Katalog 38 Mark)

Hamburg: „Zeitvergleich – Malerei und Graphik aus der DDR“ (Kunstverein bis 9. 1., Katalog 28 Mark)

Hamburg: „Karl Friedrich Schinkel 1781–1841“ (Kunsthalle bis 16. 1., Katalog 35 Mark)

Hannover: „New York now“ (Kestner-Gesellschaft bis 23. 1., Katalog 29 Mark)