Vertreter von Kurorten und Kirchen haben gemeinsam eine Konzeption entwickelt, die der Kurseelsorge eine Mitwirkung am Heilerfolg ermöglichen soll.

Die Kur hat sich gewandelt", so meinten übereinstimmend Ludwig von Manger-König, der Präsident des Deutschen Bäderverbandes, und Roman Bleistein von der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Freizeit und Tourismus. "Aus einer in früheren Jahren ausschließlich krankheitsorientierten Kur", erklärte der Theologe diese Entwicklung, "ist inzwischen eine krankenorientierte Kur geworden, die den Menschen in seiner Ganzheit sieht. Und uns schwebt als Idealfall für die Zukunft eine personenorientierte Kur vor, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt." Die Kirchen sollten dabei nach Ansicht von Bleistein die "sinngebende Instanz" sein.

Die Erkenntnisse der gerade in letzter Zeit mehr in den Vordergrund gerückten psychosomatischen Medizin, die Ursachen für Krankheiten nicht ausschließlich im körperlichen Bereich, sondern auch in Psyche und Umwelt sucht, kommen dabei den Geistlichen zweifellos zu Hilfe. "Aus solchen Überlegungen heraus sind beispielsweise in vielen Kurorten Gesunaheitszentren entstanden, in denen sowohl der Körper als auch der Geist des Menschen behandelt werden soll", berichtete Heinz Wadepuhl, der langjährige Kurdirektor von Bad Rippoldsau.

In solchen Zentren, so berichteten kürzlich Kirchen- und Kurvertreter, haben die Kirchen nach anfänglichen Schwierigkeiten schnell Fuß gefaßt, Einige der anwesenden Theologen sprachen sogar schon von der Renaissance der Kirche in den Kurorten. Pater Paul Guntermann: "Die Kurseelsorge ist eine unserer wenigen Wachstumsbranchen."

Zwangsläufig mußten die Verfasser eines solchen "Strategiepapieres" mit den Beschlüssen der Sparpolitiker in Bonn, die die Kur lediglich als eine Maßnahme zur Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit oder, noch schlimmer, der Erwerbsfähigkeit des Menschen sehen, in Konflikt geraten. Einhellig war zu hören: "Wir haben bis zum Schluß gegen die neuesten Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen gekämpft." Gleichzeitig wurde jedoch hinzugefügt: "Wir werden uns dadurch aber jetzt trotzdem nicht entmutigen lassen."

Die in knapp einjähriger Diskussion gewonnenen gemeinsamen Erkenntnisse sollen schrittweise verwirklicht werden. Als solche gemeinsamen Aufgaben nennt das Papier unter anderem: die Absprache von Schwerpunkten für die Angebote im Kurort; die Schaffung einer einladenden und gastlichen Atmosphäre, die den Kurgästen hilfreich ist; die Bildung eines "Kurforums" mit Vertretern aller wichtigen am Kurort tätigen Gruppen. Außerdem soll den Kurgästen mehr Beratung für die Zeit nach Abschluß der Kur angeboten werden. "Mit Mitgliederwerbung in den Kurorten hat das aber nichts zu tun", betonten Vertreter beider Konfessionen. Die gemeinsame Arbeit in den Kurorten soll aber auch der Ökumene, des Zusammenwirkens von evangelischem und katholischem Glauben, dienen. Der Theologe Bielstein betonte: "Es darf in den Kurorten keine Rivalität auf Kosten der kranken Menschen geben."

In der Vergangenheit sind sich in den Kurorten Theologen und Psychologen oft gegenseitig ins Gehege gekommen. "Beide Seiten", so der Pfarrer Peter Ganzen, "müssen lernen, ihre Grenzen zu erkennen." Dazu soll auch eine bessere Ausbildung der Kurseelsorger beitragen, Ansätze für solche Schulung werden zur Zeit in beiden Kirchen erarbeitet. Die Kirchenvertreter betonten, daß das Miteinander von Theologie und Psychologie durchaus wünschenswert wäre. Denn die Ausnahmesituation des Kurortes läßt viele kranke Menschen zur Besinnung kommen und führt sie zu Beratungsstellen. Die Anonymität in der Kur, war man sich einig, macht aber auch einsam. Ein Ergebnis dieser Einsamkeit sei die Suche nach dem vielbelächelten Kurschatten. Die Kirche als Kurschattenersatz? Ihre Vertreter hätten auch dagegen nichts einzuwenden.

Willi Bremkes