Keine literarische Gestalt begleitet mich so lange wie Natty Bumppo. Mit acht Jahren vernarrte ich mich in ihn, lief ihm nach in Landschaften, deren Weite und Unberührtheit für mich bis heute den Anschein von Utopie bewahren. Weihnachten 1940 schenkten mir meine Eltern den „Lederstrumpf“, eine bei Ellermann erschienene, gekürzte und bearbeitete Ausgabe der fünf Bücher in einem Band – mit Illustrationen von Max Slevogt, die mich anregten, doch nie festlegten: ihre Leichtigkeit, ihr Schwung kommen aus einem wunderbar kindlichen Impuls.

So begann ich zu lesen.

Ich wünsche mir, noch einmal anfangen, noch einmal über den ersten, stockend aufgenommenen Satz grübeln zu können: derjenige, der viel gereist und gesehen hat, glaubt wohl leicht, daß er lange gelebt habe, und die Geschichte, die die meisten Ereignisse umfaßt, wächst für den Betrachtenden scheinbar schnell auf Jahrhunderte an.“ Was für ein Abgrund von Sinn tat sich da gleich zu Beginn auf. Und es war gar nicht der erste Satz. Den allerersten hatte der ungenannte Ellermann-Bearbeiter gestrichen. Er hätte mich nicht minder verwirrt: „Ereignisse haben für die menschliche Vorstellung die Wirkungen der Zeit.“ (Leider reicht unser Gedächtnis sehr häufig nicht bis zu den ersten Lese-Abenteuern zurück. Denn es lohnte sich, eine Anthologie solcher unverstandenen Sätze zusammenzustellen. Natürlich müßte sie kommentiert werden: Wie diese Sätze nicht verstanden wurden, welchen andern Sinn sie bekamen, wie sie mit einem älter wurden und unter welchen Umständen man sie plötzlich begriff – ob man dieses Verstehen als ein Glück oder eher als Verlust empfand.)

Daß ich den „neuen“ ersten Satz verspätet las, nachgenießen konnte, verdanke ich einem nun schon seit Jahren dauernden, nahezu wortlos ausgetragenen Buchzwist zwischen mir und unserm Altesten. Immer wieder fehlte der in meinem Bücherbord von der „Beweinten von Wish-Ton-Wish“ und den Bänden der Littlepage-Trilogie flankierte „Lederstrumpf“. Längst wußte ich, wo er zu finden sei. Bei Fabian. Nicht, daß er ihn ausdrücklich zu seinem Lieblingsbuch erklärt hätte, aber er schien ihn zu brauchen. Wenn ich ihn mitnahm, holte er ihn unweigerlich zurück. Also gab ich schließlich nach, und gar nicht so ungern, da ich erpicht war, die fünf Romane endlich ungekürzt zu lesen.

Nun muß ich von Seligkeit sprechen, von Entdecken und Wiederfinden, vom Entstehen eines Kontinents in einem Kopf, der mit zwiefachem Verständnis liest, dem eines Mannes und dem eines Kindes, das, ein Kissen in den Rücken gedrückt, im Krankenbett sitzt und bettelt, weiterlesen zu dürfen: Bitte, nur noch bis zum Schluß von diesem Kapitel: Jetzt nimmt der alte Häuptling Tamenuna Abschied von Uncas. Bitte, es sind nur noch ein paar Seiten.

Jetzt nimmt mir niemand mehr behutsam, auf Morgen vertröstend, das Buch aus der Hand. Ich kann lesen, solang mir’s gefällt. Und ich las die letzten Tage, selbstvergessen, tief in die Nacht hinein, hörte sie reden, redete mit ihnen, sah Szenen, sah vor allem Landschaften, die kaum einer so entwerfen konnte wie Cooper: das schwebende, von Blättern aufgesogene Licht in Herbstwäldem, den himmlischen Tunnel über Flußtälern, das Karpfensilber der Seen und den stoßenden Atem des Präriewinds.

Du, ich brauch’ deinen Lederstrumpf nicht mehr, sage ich.