Von Uwe-Karsten Heye

In der Vorbereitungsklasse T 3 im Klassenraum C 103 in der Hauptschule Hartgenbüscher Kirchweg in Köln-Ostheim sortieren die Schüler Begriffe. Sie ordnen diese Begriffe Bildern zu, die die Lehrerin ihnen zeigt. „Das ist der Stuhl“, wiederholt die ganze Klasse im Chor. „Das ist ein Stuhl“, dringt es aus dem Klassenraum. T 3 steht für die dritte Vorbereitungsklasse, Deutschunterricht. Die Schüler und Schülerinnen kommen alle aus der Türkei.

Heute: bestimmte und unbestimmte Artikel, „der oder ein, die oder eine, der oder einer“. Anfangsunterricht in Deutsch. Die 15 oder 16 Schüler und Schülerinnen im Alter zwischen 12 und 16 Jahren geben sich große Mühe. Sie sind ruhig und das, was man diszipliniert nennt. Sie wirken fröhlich, lachen zwischendurch, manchmal über die Fehler des anderen. Aber sie sind immer aufmerksam. Die Lehrerin hat keine Schwierigkeiten. Je nach dem Stand ihrer Deutschkenntnisse fällt ihnen dieser Anfangsunterricht leicht oder schwer.

Im vergangenen Schuljahr, so hatte mir die Lehrerin vor dem Unterricht erzählt, seien drei – oder waren es vier – Schüler schon nach einem Jahr Vorbereitungsunterricht in die gemischte Regelklasse der Schule übergewechselt. Die Deutschkenntnisse reichten schon aus, um dem normalen Unterricht zu folgen.

An der Hauptschule in Köln-Ostheim sind fast 43 Prozent der Schüler Türken. Die Lehrerin spricht langsam und deutlich. Mit jedem Wort, das die Schüler nachsprechen und verstehen, wird die Sprachhürde, die sie in der Schule, beim Einkauf oder auf dem Spielplatz überspringen müssen, ein bißchen geringer. Viele der Schüler lernen erst jetzt, daß die deutsche Sprache nicht nur aus Substantiven und Personalpronomen besteht. Oft hören sie erstmals ganze Sätze. Und – so hatte mir schon der Rektor der Schule, Klaus Farber, bei meinem ersten Besuch erzählt – je besser das Deutsch der türkischen Kinder, um so weniger werden sie als Außenseiter wahrgenommen.

Schon in der ersten Stunde, die ich als stiller Zuhörer auf einer hinteren Stuhlreihe in einer der Vorbereitungsklassen verbringe, wird mir klar, daß die Lehrerinnen und Lehrer an dieser Schule mehr zu leisten haben als nur zu unterrichten. Die Stunde wird mit einer kleinen Geschichte eingeleitet. Die Lehrerin erzählt von einer berufstätigen Mutter, die abends nach Hause kommt und den Vater lesend im Sessel vorfindet, die Kinder spielen draußen. Sie macht sich, wie üblich, in der Wohnung zu schaffen. Und während sie das Schlafzimmer aufräumt, die Zimmer mit dem Staubsauger durchgeht und das Essen vorbereitet, geht ihr „ein Licht“ auf. Sie merkt, daß in ihrer Familie die Arbeitslast allzu einseitig verteilt ist. Der Titel der Geschichte: „Mutter streikt“. Auch Mutter setzt sich also hin, nimmt ebenfalls die Zeitung, so erzählt die Lehrerin, und wartet, was geschieht. Nach kurzer Zeit meldet sich der Vater und ruft nach dem Essen. Die Kinder kommen vom Spielen und fragen, was es denn zu essen gäbe, und dann entlädt sich ein Familienkonflikt. Die Familie kommt überein, sich die Arbeit zu teilen.

Wie das nun geschehen kann, sollen die Schülerinnen und Schüler selber vorschlagen. Das Ergebnis ist eindeutig. Die Arbeit teilen sich jetzt Mutter und Tochter. Sie bügeln Wäsche, sie kochen das Essen, sie machen die Betten, sie spülen das Geschirr, sie decken den Tisch, sie machen sauber. Für den Sohn bleibt das Putzen der Schuhe, für den Vater das Saugen des Teppichs. Und als dieses Ergebnis klar ist, entrüsten sich die türkischen Jungen: „Das geht nicht!“ rufen sie. „Das geht nicht, Vater saugt nicht Teppich.“