Von Peter Sager

So selbstverständlich wie die Golf- und Cricketschläger im Entrée findet man in jedem besseren englischen Landhaus auch einen Van Dyck, oder zumindest eine Kopie.

Die Werke des fleißigen Flamen sind so zahlreich in England, daß die meisten Engländer ihn für einen Landsmann halten. Knapp neun Jahre lebte Van Dyck in London; rund 300 Bilder malte er in dieser Zeit; 87 davon sind nun in der National Portrait Gallery ausgestellt.

Zu den Leihgebern, allen voran die Queen, zählen die Herzoge von Hamilton, Norfolk und Northumberland – dieselben Adelshäuser, deren Mitglieder Van Dyck vor über drei Jahrhunderten porträtierte: eine britische Kontinuität. Aber auch aus der Eremitage in Leningrad sind Bilder gekommen, aus dem Louvre und aus den Uffizien, aus Amerika und Australien: ein internationales Rencontre.

Diese Porträtsgalerie ist wie ein posthumer Staatsempfang am Hofe Charles’ I., ein glänzendes Kostümfest, ein Familientreffen des britischen Hochadels. Man kennt sich, man sieht sich ähnlich – etwa so, wie sich auch die Quadrate von Alben gleichen.

Van Dyck in England: das ist vor allem der Porträtist. Auf seinem Bildnissen beruht sein Ruhm, nicht auf den mythologischen und religiösen Gemälden, für die im protestantischen England wenig Bedarf war. Hundert Jahre nach Holbein, dem anderen großen Maler vom Kontinent am Londoner Hof, brachte Van Dyck Bewegung in die erstarrte Porträtszene.

Wie der 1. Earl of Denbigh im pinkfarbenen Hindu-Gewand durch die Landschaft schreitet und in einem Moment der Überraschung innehält; wie die Stuart-Brüder John und Bernard in eleganter Pose paradieren, der eine hierhin und der andere dorthin blickt; wie das Licht sich in den Stoffen bricht, das Spiel der überlangen Hände; Da ist alles Bewegung, Farbe, großer Augenblick. Seit der venezianischen Bildniskunst hat es das nicht mehr gegeben. Aber Van Dycks Menschen sind nicht nur Nachfolger Tizians, sie sind auch schon Zeitgenossen Gainsboroughs.