Die Jubiläen kommen auch immer früher. Goethe feierten wir schon 1981, an Orwells Horrorjahr 1984 werden wir seit Jahresanfang 1983 erinnert, und für das eben eingeläutete Luther-Jahr ’83 ist bereits eine Leistungsbilanz fällig: 11 Monate vor dem 500. Geburtstag des Reformators sind die Buchhandlungen mit Würdigungen in Wort und Bild überversorgt; der Sender Freies Berlin bringt täglich drei Minuten O-Ton aus der Luther-Bibel, insgesamt "mehr als 1000 Minuten" an der Luther-Front; der Südwestfunk tut es nicht unter 260 (!) Sendungen; selbst der ehemalige italienische Ministerpräsident Andreotti beschert seinem Land einen Kongreß zur Rehabilitierung des Reformators.

An einem neuen Luther-Bild werkeln auch die zuständigen Organe der DDR, bislang lieber an dem aufsässigen Thomas Müntzer orientiert. Luther, so sind Äußerungen des DDR-Kulturbundes wohl zu verstehen, war zwar subjektiv reaktionär, aber objektiv ungeheuer progressiv. Damit läßt sich argumentieren: "Erbepflege" als "Teil praktischer Bündnispolitik" zwischen Staat und Kirche, hilfreich auch beim "Kampf um eine einheitlich agierende Friedensbewegung".

Vom Luther-Jahr wollen die DDR-Sprachregler allerdings inzwischen nur noch die "Luther-Ehrung" übriglassen. Etwas spät erinnerten sie sich an 1883. Damals starb Karl Marx. Klar, daß nun ein "Marx-Jahr" Vorrang hat. güm