Weder Margaret Thatcher noch Menachem Begin machten das Rennen. Der Computer schlug sie.

So weit also ist es gekommen. Die Redakteure der vorzüglich informierten amerikanischen Wochenzeitung Time hatten sich gefragt, welcher Mensch in den vergangenen 365 Tagen die Gemüter seiner Zeitgenossen besonders heftig erschüttert habe. Seit 1927 fahndet das Blatt alljährlich nach einer solchen Persönlichkeit, um sie in der Neujahrsausgabe als "Mann des Jahres" zu porträtieren, fast immer traf es ins Schwarze, mit den Bösen und den Guten dieser Welt, 1938 mit Hitler, 1979 mit Khomeini, das letzte Jahr mit Lech Walesa.

Und diesmal? Nach Ansicht von Time ließ sich unter den vier Milliarden Bewohnern unseres Planeten nicht ein einziger Mensch finden, dessen Tat oder Untat wegen wir das Jahr 1982 in Erinnerung behalten würden. Falkland hatte uns offenbar nicht so arg erregt, daß es für Margaret Thatcher gereicht hätte, und Menachim Begin – so kontrovers wollte man nicht sein. Wenn schon nicht ein einzelner Mensch für den Titel aufzutreiben war, wäre wohl eine Gruppe von Menschen in Frage gekommen, die Friedensbewegung zum Beispiel. Aber nein, nicht einmal E. T., das immerhin menschenähnliche Monster, war für hinreichend gemütserregend befunden worden. So entschied sich Time für Unmenschliches, für eine Maschine. Mann des Jahres 1982 wurde der Computer.

Der Mann des Jahres – ein stummer Diener ist er; willig tut er, was von ihm verlangt wird; niemals muckt er auf, nie fragt er danach, wem seine Tätigkeit frommt und wem sie schadet. Unzählige Menschen aus Fleisch und Blut haben sich von jeher so verhalten. Solche Männer des Jahres hätten wir also immer schon finden können, millionenfach. Aber sie hatten nie unser Gemüt in außergewöhnliche Erregung versetzt. Warum der Apparat?

Weil er uns allmählich erkennen läßt, daß vieles von dem, was wir als menschliche Tätigkeit hoch eingeschätzt hatten, in Wahrheit nichts anderes als Sklavenarbeit ist, die ohne Nachdenken verrichtet werden kann, im Prinzip also von einer Maschine. Beim ewig gleichen Handgriff am Fließband hatten wir dies immer schon gewußt. Beim Buchhalter hat es uns ein wenig überrascht, als ihm die Mikroelektronik die Arbeit abnahm. Inzwischen erleben wir, daß in Banken und Versicherungen, im Management, in Wirtschafts- oder Verteidigungsplanung, bei der Fahndung nach Verbrechern oder Krankheitserregern, selbst an unseren heiligen Stätten, den Bibliotheken und Forschungszentren, Computer die Hauptarbeit leisten – Sklavenarbeit auch hier.

Erregend ist solche Einsicht fürwahr. Überdies macht sie uns Angst. Ungläubig vernehmen wir die Verheißung derer, die uns erklären, daß die Computerisierung des Lebens letztlich mehr Arbeitsplätze schaffen würde als sie vernichtet habe. Auf jeden Fall werden wir mit Computern leben und das heißt umgehen müssen.

Voraussetzung dafür ist, was die Amerikaner Computer literacy nennen. Übersetzen läßt es sich wohl nur in – horribile dictu – "Computer-Bildung". Doch wir drücken uns lieber vor der Notwendigkeit, heranwachsende Menschen mit dem Instrument vertraut zu machen, das sie im späteren Leben so selbstverständlich werden bedienen müssen wie wir die Schreibmaschine, den Karteikasten oder den Photokopierer. Daran vermag auch das Häuflein passionierter Mathematiklehrer nichts zu ändern, das, von unseren Bildungsgewaltigen geringschätzig belächelt, an einigen bundesdeutschen Gymnasien Schüler im Programmieren und Benutzen von Computern unterweisen.