ZEIT: Herr Remmers, Sie vertreten die Auffassung, man solle Schwarzarbeit „nicht nur als eine Volksseuche ansehen“. Was ist sie denn sonst?

Remmers: Schwarzarbeit ist eine Herausforderung an unser Wirtschaftssystem. Niemand leistet sie einfach nur deshalb, um den Staat oder die Solidargemeinschaft zu betuppen, sondern es gibt sie, weil viele sich auf reguläre Weise bestimmte Dinge nicht leisten könnten. Manche Leute auf dem Lande hätten kein eigenes Haus, wenn es nicht – von der Nachbarschaftshilfe bis zur Schwarzarbeit – Leistungsarten gäbe, die nicht, wie das sonst üblich ist, vielfältigen Bestimmungen und den herkömmlichen sozialen Belastungen unterworfen sind.

Die Motive für solche Leistungen sind sogar oft durchaus ehrenwert: Viele finden dabei eine ganzheitliche, gesellige und befriedigende Beschäftigung, in der sie sich besser verwirklichen können als an einem normalen Arbeitsplatz. Diese Form der Beschäftigung sollte deshalb positiv einbezogen werden in unsere gesamte ökonomische und gesellschaftliche Betrachtung.

ZEIT: Die Wirtschaft schätzt die durch Schwarzarbeit jährlich verursachten Umsatzeinbußen auf hundert Milliarden Mark, und auch die Träger der Sozialversicherungen sprechen von Milliardenverlusten. Glauben Sie, daß Ihre Vorstellungen vor diesem Hintergrund ernstgenommen werden können?

Remmers: Diejenigen, zum Beispiel die Handwerkskammern, die das Ausmaß der Schwarzarbeit – aus ihrer Sicht zu Recht – beklagen, schlagen einen falschen Weg ein, wenn sie meinen, sie könnten sie durch verfeinerte Gesetze und erschwerte Vorschriften eindämmen. Die Neigung, gesetzlichen Bestimmungen auszuweichen, wird dadurch eher verstärkt. Man muß also umgekehrt die Schwarzarbeit zu einer akzeptierten Tätigkeit machen.

ZEIT: Ist das eine Aufforderung, geltendes Recht zu brechen?

Remmers: Nein. Aber das Recht muß weiterentwickelt werden. Viele Handwerker leiden doch derzeit gewaltig darunter, daß sie viel Zeit dafür verschwenden müssen, Formulare auszufüllen, und daß sie gezwungen sind, ständig aufzupassen, daß sie nicht gegen irgendwelche Bestimmungen verstoßen. Darüber kommen sie kaum noch zu ihren eigentlichen Aufgaben. In dieses Dickicht muß eine Schneise geschlagen werden; dazu wird man Jahre brauchen.