Von Günter Haaf

Das weihnachtliche Ereignis in den guten Stuben der Deutschen bekam dieses Mal eine düstere Symbolik: Der Weihnachtsbaum nadelte ab. Der millionenfache Tod des traditionellen Zimmerschmucks nimmt, daran gibt es nicht mehr viel zu deuteln, den millionenfachen Tod unserer Bäume draußen im Wald vorweg.

Von all den schlechten Prognosen für das neue Jahr ist kaum eine so wohlfundiert wie diese: 1983 wird das größte Waldsterben in der Geschichte der Bundesrepublik bringen. Es wird ausgelöst von dem Jahrhundertsommer des vergangenen Jahres, denn warme und trockene Jahre sind für unsere Wälder stets eine Belastung. Die wahren Ursachen liegen jedoch tiefer: in der Sorglosigkeit, mit der wir unsere Industrie und unsere Autos Abgase in die Atmosphäre blasen lassen.

Die Industrienationen haben die Selbstreinigungskraft der Atmosphäre überschätzt und die Anpassungsfähigkeit der Biosphäre überlastet. Anstatt sich jedoch energisch an eine Besserung des bedrohlichen Zustands zu machen, spulen Politiker – nicht nur in der Bundesrepublik – das bekannte Repertoire ab: Zunächst wird das Problem schlicht verleugnet, dann, wenn es unübersehbar ist, mit dem Hinweis auf Erkenntnislücken und internationale Harmonisierung der Aktionen auf die lange Bank geschoben.

Die eilfertigen Beschwichtigungen und die wohlfeilen Rezepte der letzten Wochen helfen nicht weiter. Mit "zwei Schaufeln Kalk" für jeden Baum, wie der ehemalige Arbeitsminister Herbert Ehrenberg empfiehlt, läßt sich die Katastrophe nicht abwenden. Und mit haarspalterischen Argumenten, ob nun der saure Regen oder das Ozon oder der Schadstoff X Schuld hat, lenken profilierungssüchtige Politiker und engstirnige Wissenschaftler nur vom eigentlichen Problem ab. Die tödliche Bedrohung unseres wichtigsten Ökosystems – des Waldes – rührt nicht von einem einzigen Schadstoff her, sondern von der technischen Zivilisation. Die Gefahr läßt sich deshalb nicht mit eindimensionalen Patentrezepten abwenden, sondern nur mit einem Maßnahmenkatalog, der am Selbstverständnis moderner Industriegesellschaften rüttelt.

Es wird und kann keine allgemeingültige, umfassende Betriebs- und Reparaturanleitung für den Wald geben. Dies gilt für alle lebenden Systeme. Aber es gibt heute gesicherte Erkenntnisse genug, um die Diagnose zu stellen: Unser Wald ist krank. Rund acht Prozent der Waldfläche in der Bundesrepublik sind heute sichtbar vom Baumsterben betroffen. Das sind mindestens sechzig Millionen Bäume.

Schlimmer noch als die Bestandsaufnahme sind die Trends hinter dieser bestürzenden Zahl.