ARD, Donnerstag, 30. Dezember 1982, 20.18 Uhr: Programmänderung

Eigentlich sollte an dieser Stelle die Rezension des "Plädoyers für eine verrufene Stadt" stehen – Horst Krügers Verteidigung seiner Wahlheimat Frankfurt am Main. Doch leider muß diese Besprechung entfallen: nicht durch Horst Krügers, nicht durch meine Schuld, sondern dem allmächtigen Ratschluß unserer Rundfunk-Olympier, der Herren Intendanten und Direktoren, entsprechend.

Die nämlich haben sich darauf verständigt, daß 43 Tage vor einer Wahl das politische Gedächtnis der Bundesbürger zu funktionieren beginnt. Sechs Wochen vor dem 6. März, das ist der Konzeptionstermin; da fängt das Leben in den kleinen grauen Zellen an sich zu regen; da wird registriert und gespeichert. Sagt einer "schwarz", dann klickt’s im Gehirn von Millionen, sagt einer "rot", dann leuchtet die Lampe auf in den Schädeln, zucken die Nerven, glühen die Fasern wie elektrisiert. Am 46. oder gar 58. Tag vor der Wahl-Niederkunft: Schweigen im Walde! Am 43. hingegen: Hei, wie da kopuliert wird im Hirn, wie "links" und "rechts" und "Mitte", die schlichten Ortsangaben in den Tagen vor der millionenfältigen Zeugung, plötzlich Chiffren von politischer Fruchtbarkeit werden – explosiv und gefährlich. "Birne", gestern noch eine Agrarmarkt-Vokabel – über nacht ein wahlentscheidender Schlüsselbegriff. "Rote Teufel", die Bezeichnung der Betzenberg-Mannen – post conceptionem eine brisante Mixtur aus der Zauberküche des Edmund Stoiber.

Ja und darum haben die Fernseh-Gewaltigen den Scheibenwischer Hildebrandt in die praekonzeptionelle Phase verbannt, in der er kein Unheil anrichten kann – der Krüger, der darf dafür später einmal. So einfach ist das für die Erfinder der Sechs-Wochen-Karenz vor den Wahlen. Irgendwo, heißt die Devise, wird irgendwas schon seinen Platz finden im Fernsehprogramm: Hauptsache, wir sind auf der Hut, wir Gedächtnis-Beschützer und Sterilisierer vom Dienst, wir in den Chef-Etagen der Rundfunkanstalten.

Und in der Tat, es besteht zur Wachsamkeit Anlaß: wurde doch in der Springer’schen "Welt" mit Nachdruck betont, "so kraß" wie anno 1982 sei "bisher selbst im deutschen Fernsehen noch nicht zu Weihnachten politisiert worden". Politisiert, jawohl! Schamlose Agitation betrieben, im Hinblick auf den sechsten März des kommenden Jahres. Man stelle sich vor: diese Sozis! Zitieren einen Linksradikalen namens Fontane, und das am Heiligen Abend! Die Vöth und Hilf und Räuker aber sehen tatenlos zu, daß Professor Willibald Schmidt, am Ende des dreizehnten Kapitels von "Frau Jenny Treibel", den Satz sagt: "Wenn ich nicht Professor wäre, so würde ich am Ende Sozialdemokrat."

Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn der Gymnasialprofessor aus der Berliner Adlerstraße diesen Satz in der Sechs-Wochen-Phase vor der Niederkunft der Nation artikuliert hätte, also nach dem 22. Januar. Die Ausgewogenheit in märkischer Rede dem Gespött preisgegeben! Theo Fontane – ein trojanisches Pferd!

Ernst geredet: Ich denke, Horst Krüger, der schmählich Düpierte, hat allen Grund zornig zu sein, im Hinblick auf die aberwitzige Schieberei der Sechs-Wochen-Ideologen und ihrer die Austragszeit der Gedanken-Föten nach Belieben verlängernden Helfershelfer.