Sie ist allgemein bekannt und hat die Stadt Hameln weltberühmt gemacht, die Sage vom Rattenfänger. Sie soll sich vor siebenhundert Jahren zugetragen haben, nach Darstellung der Brüder Grimm (Sammlung "Deutsche Sagen") etwa so:

Als sich die Einwohner Hamelns vor Ratten kaum zu bergen wußten, kam ein Fremder in auffallend bunter Kleidung nach Hameln, der den Bürgern anbot, die Stadt von den Ratten zu befreien; als Lohn forderte er 1000 Taler. Die Bürger waren einverstanden.

Doch als der Fremde mit seiner silbernen Wunderflöte alle Ratten und Mäuse aus den Häusern gelockt und in der Weser ertränkt hatte, schien den Hamelnern der versprochene Lohn zu hoch, und sie jagten den Mann davon. Er aber kehrte zurück, und diesmal lockte er mit seinem Flötenspiel alle Kinder, 130 waren es, aus den Häusern und zog mit ihnen durch das Osttor aus der Stadt, und draußen, "bei den Koppen", verschwand er mit ihnen in einem Hügel. Sie kamen nie wieder.

In dieser Form ist die Rattenfängergeschichte den meisten geläufig, und so wird sie während der Sommermonate an jedem Sonntag in Hameln nachgespielt, als Attraktion für Touristen, weniger bekannt aber ist ihr historischer Kern.

Schon lange vor den Brüdern Grimm wurde die Geschichte so erzählt, zum Teil mit Varianten. Dabei aber tauchte immer wieder ein Datum auf: der 26. Juni 1284. Zur 650-Jahr-Feier des angeblich für die Hamelner so verhängnisvollen Tags, 1934, kam als einer von mehr als fünfhunderttausend Besuchern der aus dem Sudetengebiet stammende Wolfgang Wann nach Hameln, der in Prag Geschichte studiert hatte. Ihm ging der Rattenfänger nicht mehr aus dem Kopf, und 15 Jahre später legte er - inzwischen Archivar in Würzburg – eine plausible Erklärung vor, für die ihm der Doktor-Titel verliehen wurde. Etwa gleichzeitig mit ihm hatte der Hamelner Studiendirektor Heinrich Spanuth mit Forschungen über den Rattenfänger begonnen. Auch er brauchte lange, bis er (1951) der philosophischen Fakultät in Göttingen seine Ergebnisse vorlegen konnte, für die er ebenfalls den Doktor-Titel erhielt; da war er 78 Jahre alt und Großvater von 17 Enkeln.

Spanuth und Wann fanden bei ihrem Quellenstudium in einer Lüneburger Handschrift von etwa 1430 die bis dahin älteste Fixierung der Sage. Da wird der Pfeifer, der die 130 Kinder aus Hameln wegführte, als ein dreißigjähriger, schöner, elegant gekleideter Jüngling bezeichnet. Von Ratten und vom Tod der Kinder aber wird nichts gesagt.

In dieser Urform drang die Sage im 16. Jahrhundert über die Umgebung Hamelns hinaus. Im Raum Augsburg/Basel, dem Verehrungsbereich des heiligen Magnus von Füssen, den man bei Ungeziefer- und Mäuseplagen um Hilfe anrief wurde dem inzwischen unverständlich gewordenen Auszug der Hamelner Kinder eine kausale Erklärung vorangesetzt: die Erzählung vom geprellten Rattenfänger. Die Entführung der Kinder konnte nun als Strafe verstanden werden, was der nach ausgleichender Gerechtigkeit dürstenden Volksphantasie mehr entsprach.