Von Peter Hays

Der Sonntagmorgen ist kalt. Wenn sich die Menschen auf der Hauptstraße begrüßen, schweben sekundenlang kleine, dampfende Sprechblasen vor ihren Lippen. Die apfelbäckige Jugend, benerzte Businessbürger, aber auch Bauersfrauen mit Kopftuch folgen dem sonoren Imperativ der Glocken oben auf dem kleinen Kirchberg.

Es ist auch ein Gespann unterwegs, das so recht nicht zueinander passen will. An dem einen Ende der ledernen Hundeleine ist unverkennbar ein Oberbayer zu sehen. Er trägt Lodenjacke, Kniebundhose und lange, graue Strümpfe. Sehr wahrscheinlich ist er – wie’s hierzulande immer in der Vereinschronik heißt – eine "wichtige Stütze" einer der beiden Trachtengruppen. Zweifelsohne häkelt er auch bei den örtlichen Fingerprotzen mit und löscht freiwillig Durst und Brände bei der Ortsfeuerwehr.

Am anderen Ende der langen Leine jedoch watschelt, mit den Maßen einer halbierten Leberwurst, eines dieser Schoßhündchen, die oft ein Schleifchen im Zottelhaar tragen und oft auf den Namen "Mimi" hören. Es handelt sich entweder um ein Miniviech, das zur Rettung von Handtaschen, Skimützen und gelegentlichen Mäusen aus abgegangenen Dachlawinen eingesetzt wird. Oder aber um eines der Statussymbolchen, deren Keifen nicht nur in St. Pauli, sondern auch in "Kitz" oder "Moritz" zu vernehmen ist.

Sollte Ruhpolding also, ebenso mondän, etwa das winterliche "Polde" der deutschen Nochreichen sein?

Von der Fassade der Drogerie leuchten bunte Lüfterlszenen. Weit und breit keine dieser obszönen Graffiti wie in anderen oberbayerischen, von der Unzufriedenheit der Ortsjugend berühmteren Städtchen. Nicht allein dank gepflegter Häuser und Straßen wirkt Ruhpolding wie eine Exklave schweizerischer Reinlichkeit. Das unsaubere Leben der Außenwelt gelangt nur in kleinen Dosen, vorwiegend indirekt durch die Schlagzeilen der Zeitungen, in den Ort: "Bayern: Ehemann zersägt seine Frau." Doch diese Nachricht bezog sich zum Glück nicht auf ein lokales Ereignis.

Ab und zu im Sommer kehrt irgendeine Höllenengelsbande aus dem nahen Traunstein in Ruhpolding ein. Aber beim Bierfest ertrinkt deren Lebhaftigkeit in der Blasmusik der Kapelle und bleibt somit fast genauso unbemerkt wie die kleine Porno-Invasion jetzt gerade. Vor dem "Café Postillion" kündigen die Postlichtspiele ein "Festival der Erotik" an, sprich "die besten Hard-core-Filder der Welt". Allerdings hat die Theaterleitung ihre Reklame mit einem roten Zettel überklebt: "Mit Rücksicht auf jugendliche Betrachter sind wir leider nicht in der Lage, Photos und Plakate von diesem Film im Schaukasten auszuhängen."