Zum Jahreswechsel hat das Deutsche Studentenwerk wieder einmal ermittelt, was der im Sinne der Statistik durchschnittliche Student braucht, um finanziell über die Runden zu kommen. 818 Mark im Monat soll das Leben kosten, wenn der Student in der Mensa ißt und nicht viel mehr Miete zahlt als die 10-Prozent-Minderheit seiner Kommilitonen, die einen Platz im Studentenwohnheim gefunden haben, wo die Monatsmiete immer noch höchstens 200 Mark beträgt.

Wenn die Verwalter der Uni-Sozialeinrichtungen richtig gerechnet haben, erhalten aber nur fünf Prozent der Studierenden das lebensnotwendige Geld von ihren Familien oder aus öffentlichen Kassen, Weniger als ein Siebtel aller Studenten kommt ohne eigene Nebenarbeit auf 700 Mark oder mehr, noch einmal ein Fünftel kassiert dank elterlicher oder staatlicher Förderung zwischen 660 Mark (dem Bafög-Höchstsatz) und 700 Mark. Zwei Drittel der Studenten sind also arme Leute, wenn sie keinen Job neben dem Studium finden.

Eigentlich sollte es da verwundern, daß Hochschullehrer wieder von zunehmendem Lerneifer der jüngeren Semester berichten, von wirklichem Interesse an wissenschaftlichen Fragen gerade bei denen, die eine ungewisse berufliche Zukunft erwartet. Lob und Tadel für die eigenen Studenten verteilt sich nicht säuberlich nach Hochschulort oder Studienfach: Lobt der eine Germanistik-Dozent in privater Runde das Engagement seiner Schüler, mahnt sein Kollege aus dem gleichen Fachbereich, daß die Hochschulen "von einer gescheiterten Bildungspolitik nicht zu Wartesälen der Nation gemacht werden, wo jugendliche Arbeitslose aus Verlegenheit mit Studien beschäftigt werden, auf die sie keinen ‚Bock‘ haben". Urteilt der eine Professor zu milde? Oder schreckt der andere gerade die guten Studenten ab?

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Das vergangene Jahr begann für den hessischen Kultusminister Hans Krollmann mit einer empfindlichen Niederlage: Der Wiesbadener Staatsgerichtshof hatte verkündet, die Reform der gymnasialen Oberstufe verletze Gebote der Landesverfassung. Kurz vor Sylvester bescherten die gleichen Richter Krollmann zwei Siege über konservative Opponenten. Der Minister darf auch gegen den Widerstand einiger Eltern ein Gymnasium in Kassel in eine "Mittelstufenschule" ohne eigene Oberstufe verwandeln; er darf auch die Klassen fünf bis zehn eines anderen Gymnasiums in eine "additive Gesamtschule" einbeziehen (also eine Schule, wo Gymnasiasten Gymnasiasten bleiben) und die Oberstufe der Schule selbständig machen. Die Staatsrichter wiesen erneut auf die "Gleichwertigkeit von elterlichem Erziehungsrecht und staatlichem Gestaltungsrecht" hin; die Organisation der Schule sei aber "vorrangig" Sache des Staates. In beiden Gerichtsverfahren vertrat der CDU-Landtagsabgeordnete Gerhard Wenderoth die veränderungswilligen Eltern; ein Grund mehr für Hessens Sozialdemokraten, das für sie ungewohnte Lob auf die Judikative als oberste Schulmeisterin anzustimmen.

Peter Pedell