Wenn es allein nach den Politikern und Funktionären ginge, käme der wirtschaftliche Aufschwung bald

Man kann wirklich nicht behaupten, die Herren hätten sich nicht alle Mühe gegeben. "Die deutsche Industrie", so erklärte munter der Präsident ihres Bundesverbandes, Rolf Rodenstock, gehe mit Zuversicht ins neue Jahr. "Die deutschen Arbeitgeber", so signalisierte auch deren Präsident, Otto Esser, "setzen auf eine Vorwärtsstrategie." Optimismus für 1983, wenn auch vorsichtigen, konstatierte sogar das den Unternehmern nahestehende Institut der deutschen Wirtschaft, das immerhin achtzehn Wirtschaftsverbände befragt hatte.

Bei soviel Optimismus mochte auch die Bundesregierung nicht nachstehen. Bundeskanzler Kohl, sein Wirtschaftsminister Graf Lambsdorff und sogar Arbeitsminister Blüm sehen denn auch schon erste Anzeichen für die längst erwartete konjunkturelle Wende. Und damit aus den frommen Wünschen auch fröhliche Wirklichkeit werden möge, appellierte der Wirtschaftsminister vorsichtshalber an die Konsumenten, ihre Zurückhaltung beim Kaufen nicht zu übertreiben.

Die Konsumenten freilich trauen lieber ihren eigenen Erfahrungen. Und die sind eher trübe. Zudem haben sie noch einen anderen Appell der hohen Herren im Ohr: Die Einkommenszuwächse müßten deutlich unter der Inflationsrate bleiben. Das aber heißt: Wie schon in den letzten beiden Jahren werden auch 1983 die Reallöhne und -geälter sinken. Nicht gerade das stärkste Stimulans für einen fröhlichen Konsumrausch. Und wenn die gleichen Politiker auch noch einräumen müssen, daß die Arbeitslosigkeit im Laufe des Jahres weiter steigen wird, dann vergeht selbst dem optimistischsten Verbraucher die Lust am Konsum.

Hier aber schließt sich der Kreis. Rund 55 Prozent der gesamten wirtschaftlichen Leistung der Bundesrepublik wird allein durch den privaten Verbrauch bestimmt. Fast die Hälfte davon geht über den Einzelhandel. Doch solange die Konsumenten sich vor Arbeitslosigkeit fürchten und mit geringeren Einkommen auskommen müssen, solange werden sie sich der propagierten Wende verweigern. Da helfen auch die vereinzelten positiven Signale kaum weiter, weder die sinkenden Preissteigerungsraten noch die fallenden Zinsen.

Die Situation der meisten Bundesbürger – sofern sie nicht von Arbeitslosigkeit betroffen sind – ist obendrein keinesfalls beklagenswert, trotz Wirtschaftskrise und Zukunftsängsten. Denn die überwiegende Mehrzahl der Haushalte hat sich in den letzten Jahren mit all den Gütern eingedeckt, die begehrenswert erschienen: vom Auto über den Farbfernseher bis zur Tiefkühltruhe. Und der Industrie ist es immer weniger gelungen, neue attraktive Produkte auf den Markt zu bringen.

So darf sich denn auch niemand wundern, wenn die Unternehmer noch immer nicht das tun, was ihnen Regierungspolitiker wie Norbert Blüm und ihre eigenen Funktionäre so beredt ans Herz legen: investieren. "Ohne Nachfrage", so konstatierte nach schmerzhaften Erfahrungen der Sprecher von Groß- und Einzelhandel, Heinrich W. Heyer, ist "das Angebot sinn- und wertlos. Wir hoffen", so schrieb er den Politikern ins Stammbuch, "daß auch die Wirtschaftspolitik den privaten Verbrauch nicht aus dem Auge verliert". Gesundbeten und Wendekommandos wird er nicht gemeint haben.