In unserer Zeit, in der Häusermeere durch Kriege und Abbruch verschwinden und gigantische Beton- und Steinbauten wieder entstehen, die Natur und Landschaft verdrängen, ist es nicht verwunderlich, daß Architektur auch in der Kinderliteratur ein Thema geworden ist;

In dem italienischen Kindersachbuch von Piero Ventura und Gian Paolo Ceserani: "Das große Buch der Bauwerke"; Otto Maier Verlag, Ravensburg; 101S.,29,80 DM,

dessen Texte Veronika Knecht übersetzt und Micha Ramm bearbeitet haben, wird Architektur in einem weiten geschichtlichen Rahmen gezeigt. Hervorragende Bilder und ein spannender Text stellen die Entwicklung nicht nur der europäischen, sondern der Welt-Architektur vor, wobei steinzeitliche Pfahlbausiedlungen, Stonehenge, das europäische Mittelalter, Bauten des Islam, Aztekentempel und Wolkenkratzer gleichermaßen gewürdigt werden. Die kolorierten Federzeichnungen sind besonders für Kinder sehr reizvoll; der Betrachter kann mit den Augen darin spazieren gehen. Von der Vogel- bis zur Froschperspektive, frontal, im Schnitt oder zum Drumherumlaufen sind Burgen, Schlösser und Städte dargestellt. Auf einer Seite kann man Wolkenkratzer in den verschiedenen Höhen miteinander vergleichen.

Das Buch bietet den Anreiz, sich die Dinge genauer anzusehen. Ganz selbstverständlich wird ein Empfinden für Funktion, Schönheit und das Entstehen der Anlagen geweckt. Die Leser dieses Sachbuchs werden später als Erwachsene nicht hilflos oder ignorant vor diesen Bauwerken stehen.

Die Autoren demonstrieren auch gesellschaftskritische Aspekte der Baugeschichte, wie zum Beispiel die katastrophalen Mißstände in den Industrie-Vierteln des neunzehnten Jahrhunderts.

Die erst vor wenigen Jahren entstandene Utopie eines gigantomanischen Zukunfts-Projektes von Frank Lloyd Wright, eines Hauses von 1500 Meter Höhe (der Eiffelturm ist 300 Meter hoch), gibt dem Leser Anstöße zum Nachdenken, ob denn alles Machbare, ganz abgesehen von den immensen Energiekosten, auch wünschenswert ist. Solche Bedenken werden dem kleinen Leser indessen nicht mitgeteilt, er muß allein drauf kommen. Pädagogisch kalkulierte Intention oder nur Mangel? Diese Frage ließe sich erst beantworten, wenn man mit Kindern nach der Lektüre spricht. Hilfreich und informativ sind die drei übersichtlich geordneten Register am Schluß des Buches, in denen Fachbegriffe der Baukunst und Architektur, berühmte Baumeister und Stichworte alphabetisch aufgezeichnet sind. Ein kundig gestaltetes Sachbuch, das sicherlich auch im Schulunterricht nützlich sein könnte. Ulrike Stielau