Von Werner Meißner

Die Nationalökonomie als Wissenschaft entstand vor etwa zweihundert Jahren. 1776 erschien „Der Reichtum der Nationen“ von Adam Smith. Der erste Satz dieses grundlegenden Werkes beginnt so: „Die jährliche Arbeit eines Volkes ist der Fond, welcher dasselbe mit allen Bedürfnissen und allen Annehmlichkeiten des Lebens versorgt, die es jährlich verbraucht.“ Arbeit also schafft Wohlstand und Wachstum. Heute hat man oft den Eindruck, daß diese Erkenntnis andersherum gelesen wird. Nationalökonomen sagen: Wachstum schafft Arbeit; die Beschäftigungskrise muß durch Wirtschaftswachstum überwunden werden.

Machen wir uns die Dimension des Problems klar: Für 1983 wird bei Nullwachstum mit 2,35 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt gerechnet. Die demographische Welle wird in jedem der nächsten acht Jahre per Saldo etwa 150 000 bis 200 000 Erwerbspersonen mehr auf den Arbeitsmarkt bringen. Deshalb sieht trotz freundlicherer Wachstumsannahmen das Szenario für 1990 düster aus. Bei einem jahresdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 2 bis 2,5 Prozent und ausgeglichener Wanderungsbilanz für ausländische Erwerbspersonen rechnen uns die Arbeitsmarktforscher eine Lücke von 3 bis 4 Millionen Arbeitsplätzen aus.

Das Rechenergebnis dieses Modells hängt aber auch von zwei Rahmenbedingungen ab: Von der Entwicklung der Produktivität und der Arbeitszeit. Für 1982 zeichnet sich ein Produktivitätsfortschritt von etwa zwei Prozent ab. Er liegt beträchtlich unter den Raten der Vergangenheit. Wirkt sich jetzt nur ein Hortungseffekt ungünstig aus, der sich bei einer Wirtschaftsbelebung wieder auflöst? Ist durch den Einsatz der Mikroelektronik und durch weitere Verwaltung mit einem neuen Produktivitätsschub Oder handelt es sich um eine weltweit zu beobachtende, säkulare Abschwächung des Produktivitätsfortschritts, der in den USA seit einigen Jahren um die Nullmarke schwankt?

Im Szenario wird eine Produktivitätsentwicklung von gut zwei Prozent fortgeschrieben. Auch bei der Arbeitszeitverkürzung wird keine Beschleunigung des bisherigen Trends unterstellt. Über 25 Jahre lang hatte die durchschnittliche Verkürzung der Arbeitszeit etwa ein Prozent im Jahr betragen, in letzter Zeit hat sich das Tempo verlangsamt.

Kann die Katastrophe auf dem Arbeitsmarkt durch Wirtschaftswachstum abgewendet werden? Rechnerisch wäre dazu bis 1990 eine reale Wachstumsrate von etwa 6 Prozent erforderlich. Das hält heute niemand für möglich. Übrigens zeigt die Wirtschaftsgeschichte, daß die wirtschaftswunderlichen Wachstumsraten der Nachkriegsperiode nicht typisch waren. Langfristig lagen die Raten weit darunter (beispielsweise Großbritannien von 1765 bis 1967 hatte 2,2 Prozent; Deutschland von 1850 bis 1967 hatte 2,7 Prozent; Frankreich von 1831 bis 1966 hatte 2 Prozent durchschnittliches reales Wachstum pro Jahr).

Zur Zeit spricht nicht viel dafür, daß sich in der Bundesrepublik auch nur ein Wachstumstempo, wie es dem Szenario zugrunde liegt, von selbst einstellt. Vielmehr heißt die Realität zu Beginn der achtziger Jahre bei uns Nullwachstum. Eröffnet aber fehlendes Wirtschaftswachstum nicht die Chance, mit dem – neben der Arbeitslosigkeit – zweiten großen Problem unserer Tage fertig zu werden: mit der Umweltkrise? Bedeutet niedrigeres Wachstum bessere Bedingungen für eine gute Umwelt?