Auf Spurensuche in Oslo – Franz Kafka war für sie nur eine Episode

Von Ota Filip

Über dem Fjord liegt Nebel, Oslo trägt einen Regenmantel. Eigentlich sollte ich mir das Schweigen über Milena in Prag anhören, aber die verrückte Geschichte hat die letzten Prager Damen, die Milena noch kannten, von der Moldau an das graue Wasser einer norwegischen Meereszunge verschlagen.

Wir sitzen zu fünft am Tisch: neben mir die 85jährige Journalistin Hana Sklibovä, die 77 Jahre alte ehemalige Bibliothekarin Anna Kvapilová, der skeptische Prager Philosoph und Exilant Michael Konupek – und Milena: sie ist auch dabei. Ein Stuhl ist nämlich frei, die fünfte Tasse steht für alle Fälle bereit.

Meine erste Frage formuliere ich absichtlich provokativ: „Was wäre denn von Milena Jesenskä geblieben, wenn Sie Franz Kafka nicht kennengelernt hätte?“

Anna Kvapilovás Antwort kommt überraschend schnell und mit einer leicht ironischen Tönung: „Franz Kafka? Das war doch für Milena nur eine Episode, nicht die erste, nicht die letzte und überhaupt nicht die wichtigste.“

Die fünfte Tasse klirrt leise. Es ist, als erhebe ein sanfter Poltergeist Einspruch. Ich höre unten auf der Straße das Dröhnen eines schweren Lasters. Milena wird diesmal schweigen müssen, sage ich mir, sie ist zwar dabei, aber stumm, den fast sechzig Jahren alten Erinnerungen ausgeliefert. Mir kommt der Klappentext in Ria Endres Buch Milena antwortet in dem Sinn; einen „Versuch, die historische Gestalt Milena Jesenská zu rekonstruieren und dennoch mit ihrer Erzählung näher an Milena heranzurücken, als eine Biograpie dies je könnte“, hatte er mir versprochen. Mit Milena kann man heute ja fast alles anstellen. Doch bitte ich die Klappentextschreiber bei Rowohlt, in der nächsten Ausgabe Milena Jesenská nicht 1940, sondern erst 1944 im KZ sterben zu lassen. Die vier Jahre, die ihr gestohlen wurden, sind nämlich sehr wichtig.