Wer war Milena?

Auf Spurensuche in Oslo – Franz Kafka war für sie nur eine Episode

Von Ota Filip

Über dem Fjord liegt Nebel, Oslo trägt einen Regenmantel. Eigentlich sollte ich mir das Schweigen über Milena in Prag anhören, aber die verrückte Geschichte hat die letzten Prager Damen, die Milena noch kannten, von der Moldau an das graue Wasser einer norwegischen Meereszunge verschlagen.

Wir sitzen zu fünft am Tisch: neben mir die 85jährige Journalistin Hana Sklibovä, die 77 Jahre alte ehemalige Bibliothekarin Anna Kvapilová, der skeptische Prager Philosoph und Exilant Michael Konupek – und Milena: sie ist auch dabei. Ein Stuhl ist nämlich frei, die fünfte Tasse steht für alle Fälle bereit.

Meine erste Frage formuliere ich absichtlich provokativ: "Was wäre denn von Milena Jesenskä geblieben, wenn Sie Franz Kafka nicht kennengelernt hätte?"

Anna Kvapilovás Antwort kommt überraschend schnell und mit einer leicht ironischen Tönung: "Franz Kafka? Das war doch für Milena nur eine Episode, nicht die erste, nicht die letzte und überhaupt nicht die wichtigste."

Die fünfte Tasse klirrt leise. Es ist, als erhebe ein sanfter Poltergeist Einspruch. Ich höre unten auf der Straße das Dröhnen eines schweren Lasters. Milena wird diesmal schweigen müssen, sage ich mir, sie ist zwar dabei, aber stumm, den fast sechzig Jahren alten Erinnerungen ausgeliefert. Mir kommt der Klappentext in Ria Endres Buch Milena antwortet in dem Sinn; einen "Versuch, die historische Gestalt Milena Jesenská zu rekonstruieren und dennoch mit ihrer Erzählung näher an Milena heranzurücken, als eine Biograpie dies je könnte", hatte er mir versprochen. Mit Milena kann man heute ja fast alles anstellen. Doch bitte ich die Klappentextschreiber bei Rowohlt, in der nächsten Ausgabe Milena Jesenská nicht 1940, sondern erst 1944 im KZ sterben zu lassen. Die vier Jahre, die ihr gestohlen wurden, sind nämlich sehr wichtig.

Wer war Milena?

Stoff zum Klatsch

"Ich habe Milena vor Weihnachten 1924, also einige Monate nach Kafkas Tod, kennengelernt", erinnert sich Hana Šklíbová. "Ich kam gerade aus London zurück, und der Chef der Národní listy (Nationale Blätter, damals in Prag eine der bedeutendsten Zeitungen), hatte mich eingeladen, um mir eine Zusammenarbeit anzubieten. Milena war dabei, und ich muß sagen, daß sie auf mich einen überwältigenden Eindruck machte. Sie war elegant gekleidet, trug kurzgeschnittenes Haar, war witzig, fröhlich. Mir kam es vor, als hätte sie diese sonderbare Art von Wiener Charme und dekadentem Leichtsinn mit nach Prag gebracht. Ich war auch kein Aschenputtel, aber Milena, das war die große Welt."

"Sprach sie mit Ihnen über Kafka?"

"weshalb sollte sie über Kafka sprechen?" Die Gegenfrage ist logisch. Wer kannte damals in Prag schon Kafka? Graf Xaver Schafgotsch, der gewesene k. u. k. Offizier und Austro-Kommunist, den Milena aus Wien nach Prag schleppte, lieferte viel mehr Stoff zum Klatsch. Man wußte wohl, daß sich Milena als Kafkas Übersetzerin versuchte und daß es zwischen ihr und Franz eine Geschichte gab. Aber Milenas Geschichten, die kannte man bereits.

Als Übersetzerin war sie eher amateurhaft. Jaroslav Dresler machte in seinem tschechischen Essay auf Milenas Ungenauigkeiten in ihren Übersetzungen von Kafkas Erzählung Das Urteil aufmerksam – das Wort "Schlamperei" wollte er offensichtlich meiden. Schon den Titel übersetzte Milena falsch, bei ihr heißt er "Das Gericht". "Entlang des Flusses" übersetzte sie ins Tschechische als "Entlang des Kais", "Hunderttausende von Russen" waren für sie "hunderttausend Russen," und "die erfolgte Verlobung" verwechselte sie mit "einer bevorstehenden Verlobung".

Über den ausgeflippten Grafen Schafgotsch, der nach Prag kam, um Kontakte zur Prager Avantgarde anzuknüpfen, weiß Hana Sklibovä nicht viel: "Als der Architekt Jaromir Krejcar auftauchte, damals ein Avantgardist, der gute Kontakte zum deutschen Bauhaus hatte und mit den Pariser Bohemiens und Surrealisten eng verwandt war, hat Milena wohl den Grafen irgendwo abgestellt und vergessen. Der Aristokrat verschwand aus Prag, keiner wußte wohin, und es interessierte auch niemanden, am wenigsten Milena."

"Man stellt aber Menschen nicht so einfach ab..."

Wer war Milena?

"Milena hat es eben geschafft, sich für mehrere Menschen und Ideen zugleich zu begeistern." Hana Sklibovä lächelt mich an, als wäre ich einer von den konservativen alten Herren, die so wenig von der Jugend verstehen. "Mit jedem neuen Engagement, und es waren tatsächlich viele, schüttelte sie alle vorangegangenen ab. Wer Prag in den zwanziger Jahren nicht erlebt hat, der weiß überhaupt nichts von dem, was dort los war. Alles, was sich in der Welt geistig rührte, haben wir sofort angenommen. Wir waren dabei leichtsinnig, aber diesen Vorwurf muß sich wohl jede Jugend gefallen lassen."

Wir kommen auf Milenas Vater zu sprechen, Professor Jan Jesensky, einen Herrn aus einer uralten Prager Familie und Nachkommen jenes Rektors der Karls-Universität, der nach der Katastrophe am Weißen Berg zusammen mit 26 anderen böhmischen Herren 1621 auf dem Altstädter Ring hingerichtet wurde. Die Tatsache, daß Professor Jan Jesensky entschieden gegen Milenas erste Heirat mit dem jüdischen Intellektuellen Ernst Polak war, brachte ihm später den Vorwurf ein, ein Antisemit und ein Tyrann zu sein.

"Mit Milena hatte Professor Jesensky nur Kummer. Als er sie 1917 für ein Jahr ins Prager Krankenhaus in Veleslavin schickte, wußte man den Grund. In Veleslavin wurden nämlich schon damals Drogensüchtige behandelt. Milena war seit ihrer Jugend bis 1936 eine Morphinistin, daran ist nicht zu zweifeln."

Hana Sklibovä spricht den letzten Satz nur ungern aus. Sie schweigt, mustert mich, und ich ahne schon, daß sie in den folgenden Sätzen Milena verteidigen wird.

"Milena hat zu früh ihre Mutter verloren. Die Rolle der Ersatzmutter spielte die Schriftstellerin Ruzena Jesenská, ihre Tante. Die war zwar eine gebildete, gutmütige Frau, aber gegen Milenas Temperament kam sie nicht an. Sie müssen begreifen, daß die Prager Jugend sich im Aufbruch befand. Wenn ich nur bedenke, was für Lehrerinnen die Milena am Minerva-Gymnasium kennengelernt hatte! Lauter Feministinnen, hochgebildete Damen, die damals in Prag zu den ganz verrückten zählten."

Mit ihrer Freundin Stáŝa Jílovská gehörte Milena zu jenen, die Oscar Wilde anbeteten. Die Mädchen gaben sich betont lesbisch. Mit sechzehn hatte Milena schon eine Schwangerschaftsunterbrechung und zahlreiche Abenteuer in den Ateliers der Prager Künstler hinter sich gebracht.

Über Ernst Polak redet Hana Sklibovä nur ungern. Und die folgenden Sätze will sie sogar ganz aus unserem Gespräch gestrichen sehen: "Zum Urlaub fuhren die Jesenskýs in ein elegantes Hotel im Böhmerwald. Ich kann mir das Entsetzen von Professor Jesensky vorstellen, als er feststellte, daß Milena heimlich mit Ernst Polak schlief."

Wer war Milena?

Über Milenas Diebstähle, Betrugsversuche, Verhaftungen und Konflikte mit der Polizei schweigt sich Frau Sklibovä aus.

"Mag sein, daß das Verhältnis zwischen Milena und ihrem Vater gespannt war, aber Liebe, gegenseitige Liebe, war stets dabei und spielte die entscheidende Rolle", sagt Hana Sklibovä, dieses Kapitel abschließend, und legt die Betonung auf das Wort "Liebe".

Im Jahr 1926 gab Milena bei dem damals bedeutendsten Prager Verleger, Topic, unter dem seltsamen Titel Der Weg zur Einfachheit ihre Kurzgeschichten heraus. Das Buch widmete sie "meinem geliebten Vater".

Milenas zweiter Mann, der avantgardistische Architekt Jaromir Krejcar, sei, findet Hana Sklibovä, hochbegabt, elegant und interessant gewesen. "Es war eine glückliche Ehe, ja es war eine tatsächlich glückliche Ehe", sagt sie, als habe sie erraten, daß ich anderer Meinung bin.

Ich muß allerdings zugeben: Ich habe über Milenas Ehe mit Krejcar nur gelesen, ich war nicht dabei. Im Jahr 1928 kam Milena mit ihrer Tochter Jana aus dem Krankenhaus zurück. Jeder, der sie kannte und damals sah, beschrieb sie als eine menschliche Ruine, angeschwollen im Gesicht, gereizt, offensichtlich viel tiefer als je zuvor dem Morphium verfallen. Dieses Bild will mir nicht zum glücklichen Familienphoto passen.

Zum Schein wechsle ich das Thema: "1930 ist Milena in die kommunistische Partei eingetreten..."

Die fünfte Tasse klirrt wieder. Diesmal ist es der Lift im Haus. Die Damen schweigen. Der skeptische Philosoph gibt sich demonstrativ abwesend.

Wer war Milena?

Bewunderung für die Russen

Die Gründe, die Milena dazu führten, gerade im Jahr 1930 in die KP einzutreten, bleiben undurchsichtig. Nur das Datum ist klar: Ein Jahr zuvor waren namhafte Intellektuelle und Dichter, unter ihnen auch der heute 81jährige, in Prag lebende Jaroslav Seifert, demonstrativ aus der KP ausgetreten, um gegen die Bolschewisierung der Partei zu protestieren. Es heißt, der damalige KP-Chef, Klement Gottwald, der seine bis dahin von Intellektuellen besiedelte Partei auf Stalins Kurs drängte, habe Milenas Beitrittserklärung unterzeichnet.

An Milenas Beitritt und Mitgliedschaft in der KP ist alles unklar. Da gab es zum Beispiel Eugen Klinger, den Apparatschik, den Milena vielleicht liebte. Es mag aber auch sein, daß sie nur im Auftrag der Partei – unter Klingers Fittichen – zu einer echten Kommunistin heranwachsen sollte. Jaromir Krejcar, immer noch Milenas Ehemann und Vater ihres Kindes, wußte von Klinger. Beide bewunderten die Sowjetunion.

"In Prag überwog damals die Bewunderung für die Russen." Hana Sklibovä versucht, Milenas Handeln zu rechtfertigen. Sie erinnert sich: "Obwohl ich selbst für die Avantgarde nicht viel übrig hatte und für die Kommunisten überhaupt nichts, war ich eine begeisterte Anhängerin der englischen Fabian Society. Wir wollten damals vieles auf einmal: die junge tschechoslowakische Demokratie festigen, soziale Reformen von heute auf morgen verwirklicht sehen, die Welt verbessern. Wir bewunderten Eisensteins Filme; Pudowkin war für uns der Filmemacher; wir kannten die russische abstrakte Malerei der zwanziger Jahre. Als Stanislawski mit seinem Ensemble aus Moskau nach Prag kam, wurde er stürmisch begrüßt und gefeiert. Dies alles hinderte uns nicht daran, immer wieder Dostojewski zu lesen und Dimitrij Sergejewitsch Mereschowski zu bewundern, der im Bolschewismus das absolute metaphysische Böse sah. Man lebte ja so intensiv. Es klingt heute absurd, aber wir lebten geistig zwischen Paris und Moskau." "Als Krejcar auf Einladung der UdSSR nach Moskau ging, wollte Milena mit", werfe ich ein, ohne zu ahnen, daß ich einen wunden Punkt berühre.

"Sie war verrückt", erwidert Frau Sklibovä spontan. Sie fährt dann jedoch weniger barsch fort: "Milena erzählte in Prag, daß die tschechischen Schulen für ihre Tochter nicht gut genug seien, dazu noch reaktionär. Sie wollte also mit oder ohne Krejcar, vielleicht mit Klinger, das weiß ich nicht mehr, nach Moskau, um Jana in eine sowjetische Schule zu schicken. Man sagte damals in Prag: ‚Die Krejcarova‘ ist eben nicht normal, sie spielt wieder einmal verrückt..."

Milena überlegte es sich anders und blieb in Prag. Eine Erklärung dafür haben die zwei alten Damen nicht. Man kann nur vermuten, daß Eugen Klinger keine Lust hatte, in die Sowjetunion zu ziehen. Das Moskauer Pflaster schien ihm, als zukünftigem Trotzkisten, wohl schon zu gefährlich.

Im Jahr 1935 war Jeromir Krejcar aus Moskau zurück und brachte außer einer bitteren Enttäuschung seine neue Lebensgefährtin Riva mit nach Prag. Von Milena bereits geschieden, zeigte er sich ihr gegenüber großzügig: Er stellte ihr eine Wohnung zur Verfügung.

Wer war Milena?

Ein Jahr später trat Milena aus der KP aus. Eugen Klinger galt 1936 in Prag als der Trotzkist und könnte Milena, die sowieso nie eine disziplinierte Kommunistin gewesen war, auf die "falsche ideologische Linie" mitgeschleppt haben. Möglich ist aber auch, daß Klinger so tief in den Bann der undisziplinierten, exaltierten und egozentrischen Frau geraten war, daß er unter Milenas Einfluß die Fronten wechselte.

Die alten Damen aus Prag schweigen, der junge Philosoph gibt sich Mühe, den Nebel über dem Fjord mit einem verklärten Lächeln zu durchbohren. Die fünfte Tasse klirrt wieder. Das Haus ist still, im Hafen heult eine Sirene.

Im Jahr 1936 wäre Milena Jesenská-Krejcarová samt ihrem Freund Eugen Klinger wohl aus dem Blickfeld verschwunden und Prag hätte sie vergessen, wäre sie nicht dem Journalisten Ferdinand Peroutka begegnet, dem Herausgeber der bis heute bedeutendsten tschechischen Zeitschrift Pritomnost (Die Gegenwart).

Die Lage, in die sich Milena mit ihrem Austritt aus der KP hineinmanövriert hatte, war verzweifelt. In der kommunistischen Presse konnte sie nicht mehr publizieren, und die großen liberalen Zeitungen in Prag wollten auch keine Beiträge von ihr. Nur die Sozialdemokraten druckten ab und zu ein paar Artikel, und so wurde ihr das Geld knapp. Mit Eugen Klinger versuchte sie sich zum zweitenmal als Übersetzerin, diesmal aus dem Ungarischen, allerdings ohne Erfolg.

Sich als Kafkas Geliebte aufzuspielen, als Schreiberin und Empfängerin von später weltberühmten Briefen, das ist ihr im Traum nicht eingefallen. Wer kannte schon Kafka? Wen interessierte damals schon eine von Milenas zahlreichen Liebesaffären? Die Briefe lagen in Milenas Schublade, das Papier vergilbte, die Schrift gab sich Mühe, ihre Botschaft über Jahrzehnte hinweg leserlich zu erhalten. Die Zeit, Romane und Romanzen über Franz Kafka und Milena zu erzählen oder gar zu schreiben, war noch nicht gekommen. Und als Kafkas und Milenas kühle Sonne aufging, war auch Milena schon lange Asche und Staub, wehrlos den zahlreichen Besserwissern, der ungezügelten, ja fast hemmungslosen Phantasie der Schriftsteller und den peinlichen Irrtümern der Schreiber von Klappentexten ausgeliefert.

Ich habe den Namen Ferdinand Peroutka erwähnt. Beide Prager Damen stimmen mir zu, daß dieser Mann und seine Zeitschrift Milena viel mehr bedeuteten als ihre Ehemänner und Liebesaffären, die Affäre mit Kafka nicht ausgenommen.

Für Peroutkas Přítomnost schrieb Milena 1937 ihre ersten großen Beiträge über das Schicksal deutscher Emigranten in Prag, berichtete über die Verfolgung der Juden in Nazi-Deutschland, beschrieb nach dem "Anschluß" die österreichische Misere und übersetzte Artikel ihrer deutschen Freunde Willy Haas und William S. Schlamm.

Wer war Milena?

Nach dem 15. März 1939, als Hitler in Prag einmarschierte, knüpfte Milena sofort Kontakte zum Widerstand und half, Fluchtwege ins Ausland zu organisieren. Auch Erwin Klinger verschwand auf einem solchen Weg aus Prag und aus Milenas Leben.

Anna Kvapilová, bis zu ihrer Verhaftung 1941 in der Musikabteilung der Prager Stadtbibliothek und im Widerstand tätig, hatte Milena zum erstenmal in der Redaktion der später verbotenen Zeitschrift Přítomnost kennengelernt:

"Ich las alles, was Milena schrieb, ich habe mir alle ihre Artikel ausgeschnitten und aufbewahrt. Ich konnte eben nicht anders, machte mich auf den Weg, um Milena persönlich für ihre Tapferkeit zu danken. Zum zweitenmal begegneten wir uns am 15. Oktober 1941, als ich gemeinsam mit 20 Frauen, die aktiv am Widerstand gegen Hitler teilgenommen haben, ins KZ Ravensbrück eingeliefert wurde. Ich werde diesen Abend nie vergessen. Wir mußten nackt an der hell beleuchteten Tür zum Krankenrevier vorbeilaufen, und da er-

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blickte ich Milena. Sie stand in der offenen Tür, und mir schien es, als trüge sie rund um ihren blonden Kopf eine Gloriole. ,Willkommen‘, rief sie uns zu. Milena sah damals sehr gut aus, sie war schlank geworden, aber nicht abgemagert, und sogar in ihren KZ-Klamotten kam sie mir elegant vor. Sie war Ende 1939 nach Ravensbrück eingeliefert worden, also in einer Zeit, in der die ergebenen Stalinistinnen noch fest an der sowjetischnazideutschen Freundschaft festhielten. Ihre Stelle im Krankenrevier, wo sie doch mehr zu essen hatte, verdankte Milena aber nicht den im KZ gut organisierten Kommunistinnen."

Über die straff organisierten Kommunistinnen, die auch Milena das Leben im KZ schwermachten, möchte Frau Kvapilová nicht sprechen. Sie betont immer wieder das "hohe menschliche Prinzip der Solidarität" aller Gefangenen. Margarete Buber-Neumann, Milenas und Anna Kvapilovás enge Freundin und Vertraute aus dem KZ, beschreibt das Problem mit den Stalinistinnen im KZ Ravensbrück zwar anders, doch jeder Zeuge hat das Recht, seine Worte selbst zu wählen.

In der einzigen Stunde des Tages im KZ, in der die Gefangenen herumgehen und miteinander reden konnten, war Anna Kvapilová sehr oft mit Milena zusammen. Sie erzählt:

Wer war Milena?

"Über Franz Kafka sagte Milena nie ein Wort. Ich habe auch keinen Grund gehabt, sie nach ihm zu fragen, denn die Affäre mit Franz schien mir ohne wesentliche Bedeutung. Viel wichtiger fanden wir es, über Ferdinand Peroutka und seine Zeitschrift zu sprechen. Milenas großes Gesprächsthema war Peroutkas Zweifel am Mut des denkenden Menschen und die Bescheidenheit als das charakteristische Merkmal, das Gütezeichen menschlicher Qualität. Bozena Rotterovä, eine kommunistische Schriftstellerin, die oft an unseren Gesprächen teilnahm, erwiderte einmal Milena gereizt und verärgert: ‚lch will aber nicht bescheiden sein!‘ Milena blieb stehen, musterte sie eine Weile und sagte dann mit einem pathetischen Tonfall, der gar nicht zu ihr paßte: ‚Wie lange hat es bei mir gedauert, bis ich begriffen habe, daß die Bescheidenheit die schönste, ja vielleicht wichtigste Eigenschaft ist, die den Menschen auszeichnet!‘

Der Philosoph am Tisch macht ein ziemlich saures Gesicht, Die fünfte Tasse bleibt still.

"Und wie stand es mit Milenas Freundschaft zu Margarete Buber-Neumann?" frage ich.

Frau Kvapilová holt weit aus. "Vor kurzer Zeit habe ich ein Buch gelesen, das von KZ-Häftlingen aus Ravensbrück in Prag herausgegeben worden ist. Milena wird nur mit einem Satz erwähnt: Jesenská stand ganz unter dem Einfluß von Margarete Buber-Neumann und ihrer antisowjetischen Hetze."

"So einfach ist das also!" wirft der Philosoph ein.

"Nein, so einfach war es eben nicht", antwortet Frau Kvapilová und wählt dann wieder ihre Worte sehr sorgfältig. "Meiner Ansicht nach hatte die Freundschaft zu Grete Milenas Charakter gefestigt. Sie hat von ihr viel von der notwendigen Härte gelernt, die man im KZ haben muß, um zu überleben. Wir Tschechinnen, die ja nicht Gretes Erfahrungen aus den stalinistischen Gefängnissen hatten, konnten Milena natürlich nur so wenig, wie es im KZ eben möglich war, von der toleranten Atmosphäre Prags und von der slawischen Weichherzigkeit und Sentimentalität vermitteln. Ich nehme an, daß Milenas Freundschaften im KZ sich gegenseitig ergänzten," Eines ist jedoch auffallend: Grete dachte und handelte konsequent politisch, in ihr war stets die sogenannte deutsche Härte dabei, ich meine von der Art, die wir Tschechen auch ab und zu nötig hätten. Milena war im KZ zwar ein realistisch denkender Mensch, aber immer noch Träumerin und eine Dichterin. Auf Grete gestützt, konnte sie hart bleiben und zugleich für oder mit uns ein wenig leichtsinnig sein, emotionell geladen. Und sie war natürlich immer bereit, jedem zu helfen, die Kommunistinnen, die ja Milena nicht unbedingt liebten, nicht ausgenommen. Grete hielt Milena aufrecht; von ihr lernte sie durchzuhalten."

"Ferdinand Peroutka und die Přítomnost haben Milena verwandelt, geprägt und aus ihr eine Persönlichkeit gemacht!" überrumpelt uns die alte Journalistin Hana Sklibovä mit einer Wucht und Energie, die uns keine Chance zu einer Gegenrede gibt. Die fünfte Tasse, so scheint es mir, zittert und klirrt; der Philosoph hält sie jedoch fest.

Wer war Milena?

"Und was bekommen wir jetzt über Milena zu lesen und zu hören?" fährt die alte Dame gereizt fort, offensichtlich redlich bemüht, den Gesprächsfaden zu zerreißen. "Immer dieser Kafka und Milena, Milena und Kafka Nichts gegen Kafka, er gehört eigentlich auch zu uns, aber die Affäre mit Milena wird mächtig überschätzt, das sage ich! Um mich kurz zu fassen: Durch Kafka ging Milena, ohne es zu wollen und es erfahren zu können, in die Weltliteratur ein, aber mit Ferdinand Peroutka trat sie bewußt und selbstbewußt in die Geschichte der tschechischen Journalistik ein."

Der Philosoph atmet tief durch. "Ach, du meine Güte", stöhnt er, "jedes Prager Gymnasium, jeder Jahrgang der Universität hatte, pathetisch gesagt, eine sozusagen schicksalhafte junge Dame, die die Jungs verrückt machte, sie zwang, zur Feder zu greifen und Verse und Romane zu schreiben, die entweder vergessen wurden oder in die Literatur eingingen. Alles ist nur Zufall."

"Wir haben es also mit zwei Milenas zu tun", sagt Frau Kvapilová und lächelt den Philosophen versöhnend an. Der eine Teil war für Kafka wichtig und wird die Literaturgeschichte auch weiterhin damit beschäftigen, Stoffe für Romane zu liefern; dagegen ist Milena machtlos. Ihr zweiter Teil bleibt für uns wichtig."

Zu Lebzeiten konnte die unglückliche Liebe Franz Kafka mit Milena nicht vereinen. Erst nach der kommunistischen Machtergreifung in Prag 1948 hat sie der offiziell verkündetete Haß gegen den "dekadenten Pessimisten Franz Kafka" und gegen die "antisowjetisch gesinnte Trotzkistin Milena Jesenska" endlich zusammengebracht und zu einem "bourgeois dekadenten Paar" vermählt.

Auch Gusta Fučíková, nach 1945 die gefeierte Witwe des hingerichteten Nationalhelden Julius Fucík, fühlte sich verpflichtet, mit ihrer vertrauten Freundin aus dem Jahr 1939 und Mitgefangenen aus dem KZ Ravensbrück endgültig abzurechnen: "Nicht einmal im KZ Ravensbrück, wo ich Milena begegnete, hatte sie ihre antisowjetische Einstellung und ihre antikommunistische Hetze eingestellt. Im Gegenteil, Milena hat unter den Haftlingen Haß gegen die UdSSR verbreitet und den Kommunismus verleumdet."

Schade, daß Milenas Tagebücher aus dem KZ verlorengingen. Anna Kvapilová fühlt sich bis heute für den Verlust von Milenas Aufzeichnungen verantwortlich. Kurz bevor Milena am 17. Mai 1944 an einer schweren Nierenentzündung starb, hatte sie ihre Tagebücher an Frau Kvapilovä mit der Bitte übergeben, sie zu verstecken und nach Prag zu bringen.

"Ich konnte aber Milenas Tagebücher nicht ständig unter dem Rock versteckt tragen, das war zu riskant, ich habe sie im Lager unter den Fußboden geschoben und ständig die Verstecke gewechselt. Als im April 1945 die deutschen Sozialdemokratinnen, mit ihnen auch Grete Buber-Neumann, gemeinsam mit den norwegischen und dänischen Frauen entlassen wurden, hätte ich Milenas Tagebücher Grete oder einer der vielen Frauen, zu denen ich volles Vertrauen hatte, geben sollen. Ich hatte aber Angst, daß sie noch gefilzt würden. Und dann kamen die hektischen Tage kurz vor dem Zusammenbruch, ich lebte in ständiger Unsicherheit und habe Milenas Tagebücher schließlich ganz einfach verloren ..."

Wer war Milena?

Frau Kvapilová hat nichts mehr zu sagen. Ich habe auch keine Worte des Trostes, habe sie vielleicht auch nicht gesucht. Milenas Tagebücher gingen eben ganz einfach verloren.

Als ich mich von den beiden alten Damen, die seit 1948 im Exil leben, verabschiede, wird mir bewußt, daß die Geschichte Milena zuletzt noch einen bösen Streich gespielt hat: Ihre allerletzte Spur verschwindet am Ende eines norwegischen Fjords im Nebel. Und ich denke: Wäre unsere Welt nicht ein wenig gerechter, wenn ich mich jetzt wenigstens von den alten Damen in einer kleinen Wohnung über der Moldau verabschieden könnte?