Ein Jahr später trat Milena aus der KP aus. Eugen Klinger galt 1936 in Prag als der Trotzkist und könnte Milena, die sowieso nie eine disziplinierte Kommunistin gewesen war, auf die "falsche ideologische Linie" mitgeschleppt haben. Möglich ist aber auch, daß Klinger so tief in den Bann der undisziplinierten, exaltierten und egozentrischen Frau geraten war, daß er unter Milenas Einfluß die Fronten wechselte.

Die alten Damen aus Prag schweigen, der junge Philosoph gibt sich Mühe, den Nebel über dem Fjord mit einem verklärten Lächeln zu durchbohren. Die fünfte Tasse klirrt wieder. Das Haus ist still, im Hafen heult eine Sirene.

Im Jahr 1936 wäre Milena Jesenská-Krejcarová samt ihrem Freund Eugen Klinger wohl aus dem Blickfeld verschwunden und Prag hätte sie vergessen, wäre sie nicht dem Journalisten Ferdinand Peroutka begegnet, dem Herausgeber der bis heute bedeutendsten tschechischen Zeitschrift Pritomnost (Die Gegenwart).

Die Lage, in die sich Milena mit ihrem Austritt aus der KP hineinmanövriert hatte, war verzweifelt. In der kommunistischen Presse konnte sie nicht mehr publizieren, und die großen liberalen Zeitungen in Prag wollten auch keine Beiträge von ihr. Nur die Sozialdemokraten druckten ab und zu ein paar Artikel, und so wurde ihr das Geld knapp. Mit Eugen Klinger versuchte sie sich zum zweitenmal als Übersetzerin, diesmal aus dem Ungarischen, allerdings ohne Erfolg.

Sich als Kafkas Geliebte aufzuspielen, als Schreiberin und Empfängerin von später weltberühmten Briefen, das ist ihr im Traum nicht eingefallen. Wer kannte schon Kafka? Wen interessierte damals schon eine von Milenas zahlreichen Liebesaffären? Die Briefe lagen in Milenas Schublade, das Papier vergilbte, die Schrift gab sich Mühe, ihre Botschaft über Jahrzehnte hinweg leserlich zu erhalten. Die Zeit, Romane und Romanzen über Franz Kafka und Milena zu erzählen oder gar zu schreiben, war noch nicht gekommen. Und als Kafkas und Milenas kühle Sonne aufging, war auch Milena schon lange Asche und Staub, wehrlos den zahlreichen Besserwissern, der ungezügelten, ja fast hemmungslosen Phantasie der Schriftsteller und den peinlichen Irrtümern der Schreiber von Klappentexten ausgeliefert.

Ich habe den Namen Ferdinand Peroutka erwähnt. Beide Prager Damen stimmen mir zu, daß dieser Mann und seine Zeitschrift Milena viel mehr bedeuteten als ihre Ehemänner und Liebesaffären, die Affäre mit Kafka nicht ausgenommen.

Für Peroutkas Přítomnost schrieb Milena 1937 ihre ersten großen Beiträge über das Schicksal deutscher Emigranten in Prag, berichtete über die Verfolgung der Juden in Nazi-Deutschland, beschrieb nach dem "Anschluß" die österreichische Misere und übersetzte Artikel ihrer deutschen Freunde Willy Haas und William S. Schlamm.