"Über Franz Kafka sagte Milena nie ein Wort. Ich habe auch keinen Grund gehabt, sie nach ihm zu fragen, denn die Affäre mit Franz schien mir ohne wesentliche Bedeutung. Viel wichtiger fanden wir es, über Ferdinand Peroutka und seine Zeitschrift zu sprechen. Milenas großes Gesprächsthema war Peroutkas Zweifel am Mut des denkenden Menschen und die Bescheidenheit als das charakteristische Merkmal, das Gütezeichen menschlicher Qualität. Bozena Rotterovä, eine kommunistische Schriftstellerin, die oft an unseren Gesprächen teilnahm, erwiderte einmal Milena gereizt und verärgert: ‚lch will aber nicht bescheiden sein!‘ Milena blieb stehen, musterte sie eine Weile und sagte dann mit einem pathetischen Tonfall, der gar nicht zu ihr paßte: ‚Wie lange hat es bei mir gedauert, bis ich begriffen habe, daß die Bescheidenheit die schönste, ja vielleicht wichtigste Eigenschaft ist, die den Menschen auszeichnet!‘

Der Philosoph am Tisch macht ein ziemlich saures Gesicht, Die fünfte Tasse bleibt still.

"Und wie stand es mit Milenas Freundschaft zu Margarete Buber-Neumann?" frage ich.

Frau Kvapilová holt weit aus. "Vor kurzer Zeit habe ich ein Buch gelesen, das von KZ-Häftlingen aus Ravensbrück in Prag herausgegeben worden ist. Milena wird nur mit einem Satz erwähnt: Jesenská stand ganz unter dem Einfluß von Margarete Buber-Neumann und ihrer antisowjetischen Hetze."

"So einfach ist das also!" wirft der Philosoph ein.

"Nein, so einfach war es eben nicht", antwortet Frau Kvapilová und wählt dann wieder ihre Worte sehr sorgfältig. "Meiner Ansicht nach hatte die Freundschaft zu Grete Milenas Charakter gefestigt. Sie hat von ihr viel von der notwendigen Härte gelernt, die man im KZ haben muß, um zu überleben. Wir Tschechinnen, die ja nicht Gretes Erfahrungen aus den stalinistischen Gefängnissen hatten, konnten Milena natürlich nur so wenig, wie es im KZ eben möglich war, von der toleranten Atmosphäre Prags und von der slawischen Weichherzigkeit und Sentimentalität vermitteln. Ich nehme an, daß Milenas Freundschaften im KZ sich gegenseitig ergänzten," Eines ist jedoch auffallend: Grete dachte und handelte konsequent politisch, in ihr war stets die sogenannte deutsche Härte dabei, ich meine von der Art, die wir Tschechen auch ab und zu nötig hätten. Milena war im KZ zwar ein realistisch denkender Mensch, aber immer noch Träumerin und eine Dichterin. Auf Grete gestützt, konnte sie hart bleiben und zugleich für oder mit uns ein wenig leichtsinnig sein, emotionell geladen. Und sie war natürlich immer bereit, jedem zu helfen, die Kommunistinnen, die ja Milena nicht unbedingt liebten, nicht ausgenommen. Grete hielt Milena aufrecht; von ihr lernte sie durchzuhalten."

"Ferdinand Peroutka und die Přítomnost haben Milena verwandelt, geprägt und aus ihr eine Persönlichkeit gemacht!" überrumpelt uns die alte Journalistin Hana Sklibovä mit einer Wucht und Energie, die uns keine Chance zu einer Gegenrede gibt. Die fünfte Tasse, so scheint es mir, zittert und klirrt; der Philosoph hält sie jedoch fest.