"Und was bekommen wir jetzt über Milena zu lesen und zu hören?" fährt die alte Dame gereizt fort, offensichtlich redlich bemüht, den Gesprächsfaden zu zerreißen. "Immer dieser Kafka und Milena, Milena und Kafka Nichts gegen Kafka, er gehört eigentlich auch zu uns, aber die Affäre mit Milena wird mächtig überschätzt, das sage ich! Um mich kurz zu fassen: Durch Kafka ging Milena, ohne es zu wollen und es erfahren zu können, in die Weltliteratur ein, aber mit Ferdinand Peroutka trat sie bewußt und selbstbewußt in die Geschichte der tschechischen Journalistik ein."

Der Philosoph atmet tief durch. "Ach, du meine Güte", stöhnt er, "jedes Prager Gymnasium, jeder Jahrgang der Universität hatte, pathetisch gesagt, eine sozusagen schicksalhafte junge Dame, die die Jungs verrückt machte, sie zwang, zur Feder zu greifen und Verse und Romane zu schreiben, die entweder vergessen wurden oder in die Literatur eingingen. Alles ist nur Zufall."

"Wir haben es also mit zwei Milenas zu tun", sagt Frau Kvapilová und lächelt den Philosophen versöhnend an. Der eine Teil war für Kafka wichtig und wird die Literaturgeschichte auch weiterhin damit beschäftigen, Stoffe für Romane zu liefern; dagegen ist Milena machtlos. Ihr zweiter Teil bleibt für uns wichtig."

Zu Lebzeiten konnte die unglückliche Liebe Franz Kafka mit Milena nicht vereinen. Erst nach der kommunistischen Machtergreifung in Prag 1948 hat sie der offiziell verkündetete Haß gegen den "dekadenten Pessimisten Franz Kafka" und gegen die "antisowjetisch gesinnte Trotzkistin Milena Jesenska" endlich zusammengebracht und zu einem "bourgeois dekadenten Paar" vermählt.

Auch Gusta Fučíková, nach 1945 die gefeierte Witwe des hingerichteten Nationalhelden Julius Fucík, fühlte sich verpflichtet, mit ihrer vertrauten Freundin aus dem Jahr 1939 und Mitgefangenen aus dem KZ Ravensbrück endgültig abzurechnen: "Nicht einmal im KZ Ravensbrück, wo ich Milena begegnete, hatte sie ihre antisowjetische Einstellung und ihre antikommunistische Hetze eingestellt. Im Gegenteil, Milena hat unter den Haftlingen Haß gegen die UdSSR verbreitet und den Kommunismus verleumdet."

Schade, daß Milenas Tagebücher aus dem KZ verlorengingen. Anna Kvapilová fühlt sich bis heute für den Verlust von Milenas Aufzeichnungen verantwortlich. Kurz bevor Milena am 17. Mai 1944 an einer schweren Nierenentzündung starb, hatte sie ihre Tagebücher an Frau Kvapilovä mit der Bitte übergeben, sie zu verstecken und nach Prag zu bringen.

"Ich konnte aber Milenas Tagebücher nicht ständig unter dem Rock versteckt tragen, das war zu riskant, ich habe sie im Lager unter den Fußboden geschoben und ständig die Verstecke gewechselt. Als im April 1945 die deutschen Sozialdemokratinnen, mit ihnen auch Grete Buber-Neumann, gemeinsam mit den norwegischen und dänischen Frauen entlassen wurden, hätte ich Milenas Tagebücher Grete oder einer der vielen Frauen, zu denen ich volles Vertrauen hatte, geben sollen. Ich hatte aber Angst, daß sie noch gefilzt würden. Und dann kamen die hektischen Tage kurz vor dem Zusammenbruch, ich lebte in ständiger Unsicherheit und habe Milenas Tagebücher schließlich ganz einfach verloren ..."