Sieg über die Türken, Katholikentag und Papstbesuch: Wie die Wiener 1983 zum Jubeljahr hochrüsten

Von Sigrid Löffler

Eine Wiener Wochenzeitung hat neulich an sogenannte "Kulturschaffende" eine bängliche Frage gerichtet: "Ist Wien provinziell?" Die Frage wurde fast einhellig verneint: Nein, Wien ist nicht provinziell. Keinesfalls. Zumindest nicht provinzieller als andere Großstädte. Die freilich sind viel provinzieller, als sie ahnen. Schon deshalb, weil sie Wien für provinziell halten, und wer Wien für provinziell hält, ist selber provinziell. Basta. Und überhaupt – was heißt schon provinziell? Jede Stadt ist irgendwo provinziell. Und wenn wir dem Ungewohnten mißtrauen, das Neue und die Neuerer anfeinden, die Talente abwandern lassen, Entwicklungen verschlafen und im Grunde auf nix neugierig sind – derlei muß man doch nicht gleich provinziell nennen. Oder? Und außerdem kann Wien gar nicht provinziell sein, weil es nicht in der Provinz liegt. Na also.

Aus den Antworten kratzbürstete eine gewisse Gereiztheit – eine ebenso schnippische wie wehleidige Abwehr mittels gezielter Unscharfe: Wo alles und nichts provinziell genannt wird, dort verflüchtigt sich der Begriff, und nur sein Dementi lungert peinlich herum. Irgendwie verräterisch.

Ein einziger der Befragten sah, was doch auf der Hand lag: daß nämlich die Frage stellen, sie bejahen heißt. Sich nach der eigenen Provinzialität zu fragen, ist provinziell. "Niemandem würde es einfallen, die Frage über Paris, London, New York oder Rom zu stellen", meinte der Theatermacher Erwin Piplits. "Wien halte ich für die Welthauptstadt der Nebochanten, Gaskassiere, Schaffner, Krankenkassenkontrolleure und der selbsternannten Erlaubnis-Erteiler aller Art, deren Grundeigenschaft der pfiffige Schwachsinn von Berufsintriganten ist. Wien ist ein Appendix der westlichen Welt, dessen Ablagerungen schon deshalb: Lichtleitern können, weil dieser längst im Spiritus liegt."

Die Magie der runden Zahl

Beide Haltungen – die beleidigte Patzigkeit und die beleidigende Pauschalschmähung – sind Wiener Stereotypen und lassen sich auf ein und dasselbe psycho-kulturelle Phänomen zurückführen: Auf das schwankende und instabile Wiener Selbstwertgefühl. Das geistige Klima der Stadt ist geprägt von dieser unsicheren Selbsteinschätzung und deren eigentümlichen Folgen: der koketten Selbstbeschimpfung einerseits (die nur auf erhofften Widerspruch kalkuliert ist), der großmäuligen Selbstbeglückwünschung andererseits. Beides maßlos und unangemessen. Die liebste Krücke, an der das Wiener Selbstgefühl sich hochzieht, ist die eigene Geschichte. Derzeit läßt sich das auftrumpfende Wiener Minderwertigkeitsgefühl, der überschnappende Großmannskoller, in allen Facetten am praktischen Beispiel studieren: Das Jahr 1983 wird soeben zu einem ganz besonderen Wiener Jubeljahr hochgerüstet.