Überhaupt muß man sich fragen, ob in dem, was als Zukunftsangst sich artikuliert, nicht ganz gegen den äußeren Anschein ein ungebrochener Optimismus mitschwingt. Und ob, umgekehrt, die bloße Beschwörung hergebrachter Formeln pragmatischer Politik von tiefem Pessimismus kündet. Denn, gleich ob die Wege, welche die alternativen Bewegungen bei den Themen Umweltschutz und Sicherheitspolitik weisen, gangbar sind, so zeugt ihr Engagement doch von der Hoffnung, die Welt sei zu verändern, wenn nicht sogar zu verbessern. Angst wird damit zu einem Moment eines angestrebten Fortschrittes ... Der Pessimismus der Jugend erweist sich mithin bei genauerem Hinsehen als verborgener Optimismus, und der offiziell empfohlene Optimismus zeugt von einem Pessimismus, der sich hinter der Tarnkappe eines aus Erfahrung gespeisten Pragmatismus versteckt.

Joachim Worthmann: "Die Skeptiker widerlegen – Vom verborgenen Optimismus der protestierenden Jugend"; "Stuttgarter Zeitung", 31. Dezember 1982.

Journalistenpoesie: Die kühle Sängerin

Im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) tobt seit einigen Wochen, von der Öffentlichkeit viel zu wenig bemerkt, ein Kampf um die geistigen Grundwerte. Nur scheinbar geht es dabei um eine Äußerlichkeit – um die Frage nämlich, wie der Name des weltberühmten Dramatikers Eugène Ionesco korrekt zu buchstabieren sei. Zum siebzigsten Geburtstag des Dichters, am 26. November des gerade vergangenen Jahres, beschenkte der Feuilletonchef des Blattes, Günther Rühle, den Jubilar und die Öffentlichkeit mit einem vierspaltigen Festtagsaufsatz, der neben vielen überraschenden Einsichten und Formulierungen auch eine neue Schreibweise präsentierte: Ionesco, verkündete die FAZ, heiße in Wahrheit Jonesco. Die Neuerung hatte nur drei Tage Bestand: dann nämlich berichtete (Rühles Lieblingskritiker) Georg Hensel in der FAZ von einer Jonesco-Uraufführung in Basel, schrieb Jonesco wieder konventionell Ionesco und vermerkte kryptisch-ironisch, das Stück weise zurück in eine "rumänische Kindheit, als Ionesco noch Jonescu hieß". Einige Wochen später würdigte dann das FAZ-Feuilleton den gestorbenen Dichter Louis Aragon. Und wieder war von Ionesco die Rede, diesmal, die dritte Version, von Eugène Ionescu. Ein Druckfehler? Oder wollte der Autor W. W. einfach nicht Partei nehmen im brisanten Streit zwischen Rühle/Jonesco und Hensel/Ionesco und verfiel so auf die dritte, die scheinbar rettende Lösung? Wie auch immer: ausgerechnet dem FAZ-Feuilleton, das zum Witz bisher ein eher vorsichtiges Verhältnis pflegte, ist die heiterste aller Ionesco-Ehrungen gelungen. Denn wie ließe sich der Vater des Absurden schöner ehren als durch ein eigenes absurdes Frankfurter Minidrama. Gelobt seien alle Mitwirkenden, insbesondere Günther Rühle, Guenther Ruehl und Gunter Rühle. Dank ihren Bemühungen weiß man nun auch endlich, wer sich hinter dem klugen Kopf verbirgt, der sich hinter jeder FAZ verbirgt: es ist die kahle Sängerin.

Kafka, Kafka, Kafka

Das Kafka-Jahr beginnt mit drei Nachrichten, wovon die eine unzweifelhaft eine gute Nachricht ist: der "Forschungsstelle Prager Literatur" an der Universität Wuppertal ist es gelungen, Kafkas Handbibliothek zu erwerben, jene Bücher also, die Kafka selber besessen hat, darunter viele Erstausgaben aus dem Umkreis der Prager Freunde, wie Brod, Werfel, Urzidil. Bei der Arbeit an der Kritischen Kafka-Ausgabe, deren zweiter Band "Der Verschollene" im Frühjahr erscheint, wird dieses Material nützlich sein. Ob die beiden Kafka-Kongresse dieses Jahres, der erste vom 21. bis 24. März in Bari, der zweite vom 16. bis 19. Mai in Wien, nützlich sein werden, kann man vorher nicht wissen. Immerhin finden beide an schönen Orten statt, was die Kongreß-Touristik beleben könnte. Die geladenen Teilnehmer jedenfalls scheinen von den schönen Ansichten und Aussichten beflügelt, denn viel Kafka-Forschungsprominenz hat zugesagt: Hartmut Binder, Jürgen Born, Joseph Brodskij, Eduard Goldstücker, Claudio Magris, Malcolm Pasley, Walter H. Sokel und Klaus Wagenbach. Manche Referenten reisen gleich von einem Kongreß zum anderen. Den in Bari veranstaltet das germanistische Seminar der Universität, den in Wien die "Österreichische Gesellschaft für Literatur". Warum bloß hat man sich nicht auf einen einzigen Kongreß geeinigt? Warum Bari im März, Wien im Mai? Warum nicht Florenz im April?