Von Peter Christ und Wolfgang Gehrmann

Tagsüber zieht Egon Hoffmann die Rolläden an seinem einsam gelegenen Bauernhaus nahe dem Allgäuort Kempten jetzt wieder hoch. Seit er als Kronzeuge im bisher größten Bauskandal bundesweit bekannt geworden ist (ZEIT Nr. 52/82), fürchtet er kaum noch, daß jemand ihn gewaltsam mundtot machen will. Hoffmann, der bei der Münchner Baufirma Kunz jahrelang heimlich belastende Papiere über branchenumfassende Preisabsprachen gesammelt hatte, kann endlich hoffen, daß die Kartellbehörden den skrupellosen Baubossen das Handwerk legen.

Offensichtlich ohne Angst vor Entdeckung hatten Baufirmen in Bayern private und öffentliche Kunden geschrpft. Sie einigten sich auf überhöhte Preise und verschoben systematisch im Reihumverfahren Aufträge. Kaum ein Bau von Bedeutung lief im Freistaat ohne das Kartell: Das Altenwohnheim vom Roten Kreuz in Füssen und das Rathaus in Bad Wörrishofen, achtzehn Terrassenhäuser in Kempten und die Skischanze in Oberstdorf, das Landratsamt in Marktoberdorf, Straßen, Kanäle, Kläranlagen – alles unter Kontrolle. Selbst vor himmlischen Aufträgen machten die Kartellbrüder nicht halt; Bei etlichen Kirchenbauten wurde ebenso geschoben wie beim Nato-Flugplatz in Memmingen.

Jetzt will das Bundeskartellamt in Berlin die Spezis vom Bau überführen. In einem Zue mit den bayerischen Fällen spürten die Kontrolleure noch etliche Absprachekreise in anderen Bundesländern auf. Unter den Firmen, denen vor Weihnachten die Beschuldigungsschreiben der Wettbewerbshüter ins Haus flatterten, fehlt von den großen der Branche keine: Holzmann und Hochtief, Bilfinger & Berger und Strabag, Dyckerhoff & Widmann und Thosti, Heitkamp und Heilit & Woerner, Züblin und Wayß & Freytag – die Liste erhebt auf Vollständigkeit keinen Anspruch. An 167 Bauunternehmen will das Bundeskartellamt Bußgeldbescheide schicken und damit Preisabsprachen bei einem Bauvolumen von zwei Milliarden Mark ahnden.

Doch während Kronzeuge Hoffmann endlich wieder im Hellen sitzt, machen die beschuldigten Firmen die Luken dicht. Auf den peinlichen Kartellskandal reagieren sie vereint nach der Parole: Mund halten und durch. Während sie angesichts der ökonomischen Misere Staat und Städte drängen, ihnen mehr Aufträge zu geben, wollen sie über die ihnen vorgeworfenen krummen Touren bei öffentlichen Ausschreibungen keine Rechenschaft ablegen.

Wie einer für alle sagt Hochtief-Sprecher Börries Sinn nur: "Wir haben uns entschlossen, keinen Kommentar abzugeben." Holzmanns PR-Chef Claus Pfeiffer und Strabag-Sprecher Franz Tampier unisono: "Kein Kommentar" – nach dem Preis-Kartell ein Kartell des Schweigens.

Daß alles im stillen seinen geregelten Gang ging, darauf konnten die Bauunternehmen sich jahrelang verlassen. Die Betriebe waren sich ihrer Sache sicher. Obwohl die Kartellbehörden das marktwidrige Treiben mißtrauisch beobachteten und gelegentlich Bußgelder gegen Baufirmen verhängten, rechneten die Unternehmen nicht damit, daß ihr großer Schwindel jemals auffliegen würde. Warum sonst hätte die Münchner Baufirma Kunz riskieren können, ihrem Kartellkoordinator Hoffmann nach zwölf Jahren delikater Tätigkeit zu kündigen? Warum sonst hätte Kunz-Manager Karl Fehl dem um Rücknahme der Entlassung bittenden Mitarbeiter auch noch drohen können? Ab Hoffmann seinem Wunsch mit dem Hinweis auf seine zwölf Ordner umfassende Aktensammlung über die verbotenen Preisabsprachen Nachdruck verlieh, bekam er nur zu hören: Er sei ein toter Mann, in ganz Deutschland gebe es keine Arbeit mehr für ihn. Noch heute erinnert sich Hoffmann an den Kommentar seines ehemaligen Chefs zu den Geheimakten: "Was wollen Sie damit? Ich kann Ihnen garantieren, die bleiben liegen, bis sie alle miteinander verjähren – uns können Sie nichts anhaben."