Von Paul Noack

Die beste Methode, sich darüber klarzuwerden, wie man zur Welt steht, war zu allen Zeiten, nachdenklich die Beziehungen zu denen zu betrachten, denen man gewogen oder abgeneigt ist, die einem förderlich oder gefährlich erscheinen. Was Leonhard Reinisch als Herausgeber vorlegt, ist nichts anderes, als eine derartige europäische Selbstvergewisserung. In dem Sammelband

Leonhard Reinisch (Hrsg.): „Dieses Europa zwischen West und Ost. Eine geistige und politische Ortsbestimmung“; Kindler-Verlag, München 1982, 312 S., DM 34,–

spiegelt sich Europa selbst oder in anderen. Denn fast zur Hälfte kommen die Autoren aus den USA oder der Sowjetunion (wobei es allerdings schade ist, daß keiner von ihnen dort lebt).

Tocqueville und Dostojewski scheinen die beiden Leitfiguren, die – unabgesprochen – über dem ganzen Unternehmen schweben. Alexis de Tocqueville locus classicus vom Jahre 1840 zur Aufteilung der Welt zwischen Amerikanern und Russen: „Es scheint nach einem geheimen Plan göttlicher Bestimmung jeder von ihnen berufen, eines Tages die Geschicke einer Hälfte der Welt in den Händen zu halten“ ist tatsächlich allzu verführerisch, um nicht als Motto das Buch zu zieren. Daß die Zeit auch hier weiterschreitet, demonstriert dann sogleich der amerikanische Konservative Norman Podhoretz. Er meint, das müsse gar nicht so sein, besser, freilich nicht wahrscheinlich, wäre eine Alleinherrschaft der Welt aus dem Geiste der USA „in Freiheit und Wohlstand, den Früchten der Demokratie in Amerika“.

Der Herausgeber intoniert gleich zu Beginn den basso continuo des Buches, über den sich dann, vielfältig und teilweise auch widersprüchlich, die einzelnen Beiträge bewegen: „Amerika unser – ein umgedrehtes Vaterunser, denn Amerika ist Europas Sohn“, so schreibt er und „Bruder Rußland ... das Verhältnis zwischen Westeuropäern und Russen war nur selten von brüderlicher Liebe bestimmt“. So schwanken denn die Beiträge zwischen reiner und verdrängter Sympathie zu den USA und reiner wie unverhohlener Antipathie gegenüber der UdSSR.

Jede Art der Form wird dazu verwendet, sich seinem „Zwischen“ zu nähern, das keineswegs immer der „Äquidistanz“ der Ära Helmut Schmidts entspricht. Manchmal nimmt die Reihung der Aufsätze mit ihren Anziehungen und Abstoßungen eher den Charakter eines Flipperspieles an. Es findet sich die kühle Analyse (William A. Griffith), die kulturhistorische Ableitung (Johann Ludwig Döderlein), der idologisch getönte Appell (Norman Podhoretz), der Essay (Golo Mann), die persönlich getönte Erinnerung (Melvin J. Lasky), das Gespräch (Lew Kopelew mit Heinrich Böll), die Montage (Helene von Ssachno), die Zukunftsprognose (Herman Kahn). Es wäre allerdings ungerecht, wollte man jeden der Beiträge sozusagen auf das Phänomen von Nähe und Distanz reduzieren. Ist der Essay von Efim Etkind – einer der schönsten des Bandes – „Das Heimweh russischer Emigranten“, neben anderen, auch einige Flügelschläge vom Zentralthema entfernt – man möchte ihn dennoch nicht missen.