Vor allem anderen "jetzt" sagen. Jetzt. Das ist eine Jahreszeit, Winter, das ist ein frühes Jahr der achtziger Jahre und eine Zeit ohne Parallele. Das ist eine historische Lage, und wenn der Phosphatgehalt eines Gewässers eine benennbare Schwelle übersteigt, dann kippt es, kippt das Gewässer in der Stille in eine neue Qualität. Für vielerlei Fische, Frösche, Lurche und Getier ist das dann ein neues Leben oder ist kein Leben mehr, je nach Sauerstoffbedarf und des Getiers Konstruktion. Eine neue Bedingung.

Dazu "hier" sagen, das ist dann auch eine Bedingung dessen, was jetzt gefühlt und gedacht werden kann und befürchtet, und die Sprache hat jetzt eine Tendenz, sich zu verkriechen. Hier, das ist Berlin, Tiergarten, im immer tiefer sich zweiteilenden Deutschland, in einer Melancholie aus Winterzeit und kaputten Seelen und leisem Nachhall von Nie-Wieder-Krieg. Ein geographischer Punkt ist das, eine sanierte Stadt mehr in einem freigesprochenen und freiverheißenden Land in Europa auf der Oberfläche der Erde. Hier, das ist alles in allem die Erde, das sind deren Schätze und Gewässer und Lüfte und auch Regenwälder und Böden des Weizens am Absterben, am Rand der Erschöpfung oder, wie gesagt, am Kippen oder schon hinüber, jedenfalls eine Bedingung, und Bescherung ist es auch. Darin ist keine Hoffnung.

Jetzt, hier, Demokratie zu singen, und auch die Demokratie wäre ja Teil dieser Zeit und Geographie, sie zu singen, wäre ein trauriges Lied. Aber von ihr zu reden, um mein Erfahrungsfeld ist schließlich die Confoederatio Helvetica, die ist zwar kein Thema, "ihr habt’s nicht mal zu einem Weltkrieg gebracht, ihr habt nicht mitzureden", ich weiß. Aber dennoch halt meine Bedingung auch sie, und der Dow Jones-Index überklettert wieder die 1000er-Marke, und die Demokratie zu singen wird ein tonloses Lied, wenn sie gekippt ist oder heruntergekommen. Auch die Demokratie ist noch mal eine Bedingung, neben dem Winter und diesen anderen Dingen und Gewässern.

Diese Höchstleistung europäischer politischer Kultur Demokratie herunterreden, das ist wohl wahr, daß das gefährlich ist, und bin ja dafür und trotz allem dafür. Nur nicht mehr reden von Demokratie an sich, liberaler Demokratie an und für sich, das läßt nur noch Melancholie zurück. Und Denken in der Nacht an 1848, an bessere Zeiten, künftige Zeiten, wer auch daran zu denken die Kraft noch fände. Wäre da nicht diese Überwucherung, und die schönste Rose des Prinzips Demokratie steht jetzt wie erstickt in der Landschaft. Keine große Hoffnung ist das. Und das ist dann noch mal eine Bedingung, schon die vierte oder fünfte jetzt, und eine Binsenweisheit ist es auch, denn diese direkte Demokratie mißt ja dem Volk – da ist es wieder: dem Volk eine Wirkkraft zu, wie sie in einer parlamentarischen Demokratie, sagt gelassen Jean Rodolphe von Salis, undenkbar wäre. Hier Parlament und Regierung und dort die Opposition: das Volk. Jedes Sachgeschäft von Gewicht: Fischereiwesen, Benzinzoll, Schulreform ist dem Volk zu unterbreiten, und zehnmal, dreißigmal und mehr im Jahr sagt das Volk ja, oder es sagt nein. Und jährlich ein paar Referenden und Initiativen. Wie schön die Rose einst.

Aber jetzt hier ist erkennbar eine gewisse Tendenz zum Abblättern und Kippen und zur Melancholie. Das ist eine Tendenz auch der Rose und eidgenössischen Demokratie und Demokratie, der einst liberalen, überhaupt, zum Abblättern im November. Wenn nur noch fünfzig und dreißig und zwanzig Prozent Volk hingeht zur Demokratie, und wenn sechzehn Prozent für Ja und vierzehn Prozent für Nein sind, dann sind die sechzehn Prozent die Mehrheit der dreißig Prozent Volk und sind aber kein Volk mehr und keine staatstragende Herrschaft des Volkes. Das aber ist die Pfiffigkeit und List des die Volksherrschaft eher nicht mehr ausübenden Volkes durch Abwesenheit. Und ist eine Tendenz zur List des pfiffigen Volkes, im Nebel zu erkennen, daß die Haupt- und Vorentscheidungen immer irgendwo schon gefallen sind und abgeblättert und niemand will gewußt haben so recht, wieso eigentlich und wo schon gefallen, wo doch der Rose Knospen einst so rot. Eine Tendenz zur Pfiffigkeit ist das und zur Vorentscheidung, und immer schon gefallen. Kein lustiges Singen der Demokratie mehr und in der Stille immer irgendwo schon namenlos gefallen. Namenlos. Darin ist keine Hoffnung.

Wohin soll die Demokratie nur sich wenden im Winter, wenn sie überwuchert ist und überwölbt vom Namenlosen? Das ist die Frage des eher abwesenden Volkes und warum die Machtverhältnisse über seiner Demokratie sind. Und die Entfremdung ist in ihr, und das ist ihre Bedingung jetzt hier, kein Singen des Volkes mehr und phosphatgesättigte Gewässer kippen in der Stille der Nacht in die neue Qualität. Wenig Richtiges im Falschen. Eine Qualität der Erstickung. Der Dow Jones-Index geht über die 1000-Punkte-Marke. Die Kurzarbeit geht über in keine Arbeit mehr. Im Nebel wieder sichtbar eher kein Volk mehr, aber Oberklassen und Unterklassen. Das Volk überlagert nur noch in Anrufungen die wieder sichtbar werdenden Klassen. Das Volk ist eher nicht mehr da als da. Das ist eine Tendenz zur Anrufung zum Mythos, es wird herbeieilen und die Demokratie singen je länger je weniger und wird um so mehr beschworen und angerufen und ist nur noch diszipliniert und befohlen ins Analphabet. Das ist dann die Tendenz zum neuen Fundamentalismus in der Extremposition für Frömmigkeit und zurück ins Manchestertum. Das ist wieder die Zeit für die Verteidigung von Moral und Faustrecht und des Automobils und des Schulgebets. Und ihre Anrufung. Je mehr eher weniger Volk, um so mehr populistische Anrufung des Mythos des Volkes. Das ist der Populismus der Kapitalmacht über die Klassen und Demokratien hinweg von oben nach unten.

Vor allem anderem "jetzt" sagen, Winter der Rose und eine Zeit ohne Parallele. Das Volk ist jetzt eine Tendenz zum eher nicht mehr da als da sein. Das ist dann, in der Bundesrepublik Deutschland zwar weniger und in der Schweizerischen Eidgenossenschaft eher schon mehr, der Ausstieg des Volkes aus der Demokratie. Das ist dann hier und auch dort der Anlaß zur Beschwörung der Xenophobie des Volkes von oben herab und der alten Fahnen im Winter und des Stolzes und der Ehre der Nation, das ist dann die Zeit von Ehre und Tum und Blut, und das gesunde Volksempfinden ist das und das Völkische. Die Zeit der Krise ist das und der schrumpfenden Märkte und der Niederschlagung der Volksaufstände in Guatemala und Afghanistan und El Salvador und des Blutes in Sabra und Shatila. Das ist jetzt im Winter die Wiedererrichtung des Hochsicherheitsstaats und des Hochordnungsstaats im Namen des eher abwesenden Volkes deutscher oder wessen immer Nation, und das immer eher überall anwesende Prinzip Kapital entscheidet immer namenloser vor und namenloser. So wäre denn von Mikroprozessoren und Überwachung und Faschismus zu reden, jetzt, im Januar. Zeit für die Sprache zu einer Tendenz, die Buchstaben des Alphabets in diesem freiverheißenden Land in veränderte Reihenfolgen zu bringen und zu reden von Hochsicherheit und Abblättern und veränderten Aggregatzuständen der Hochrüstung im Namen der friedliebenden, eher nicht anwesenden Völker. Zeit der Bildschirme, Zeit der kriegsvorbereitenden Wörter auf Bildschirmen wie "Megatote", und es erscheinen die neue Qualität des Krieges und immer mehr merkwürdige Wörter, nicht Menschenwörter, und große Zahlen. Sehr große Zahlen. Darin ist keine Hoffnung.