Wer schon einmal juristischen Rat suchte, weiß, wie verzweiflungsvoll ein solches Unterfangen sein kann. Welcher Rechtsanwalt weiß am besten Bescheid, was zu tun ist, wenn einem die Frau weggelaufen ist? Wer ist Spezialist für Streitereien mit den Nachbarn? Wer für Auseinandersetzungen, die man mit seinem Arzt hat? Wer weiß Rat, wenn man Pleite macht? Wer paukt einen raus, wenn man mit ein Promille von der Polizei erwischt worden ist?

Welche Ungerechtigkeit: Der Arzt darf im Telephonbuch sein Fachgebiet ausweisen, der Rechtsanwalt nicht. Auch seine Kanzleischilder erklären nichts Genaues, die Anwaltskammer und das Gericht dürfen nichts Detailliertes sagen, die Behörden ebensowenig. Und der Anwaltsstand stellt sich reichlich stur: „Jeder muß alles können!“ und „ein wirklicher Mandant landet auch beim richtigen Anwalt“ – das sind Sprüche, mit denen viele Vertreter des Advokatenstandes ihre Markt- und Bürgerfremdheit vertuschen. Manchen Rechtsuchenden macht die Jagd auf einen geeigneten Anwalt ratloser als der Konflikt, für den er Rat braucht.

In den letzten Jahren wurde den 40 000 Anwälten in der Bundesrepublik der Mangel zunehmend bewußt. Vor allem die Anwaltvereine suchen nach einer Lösung und wollen den künftigen Klienten helfen. Den großen Schritt zu einer angemessenen Publizität dieser Hilfe hat aber bisher nur der Berliner Anwaltverein gewagt. Die anderen Anwaltvereine muß man antelephonieren; sie blättern dann in inoffiziellen Karteien, für die sich die Mitglieder der Vereine zuvor selbst einstuften und Spezialgebiete nannten. Nur wenige Rechtsuchende finden diesen Weg überhaupt.

In Berlin aber steht nun im Branchenverzeichnis eine „Spezialistenkartei“, unter der Rubrik „Rechtsanwälte und Notare“. Der Erfolg ist groß – bis zu vierzig Anrufe pro Tag hat die Sekretärin des Vereins zu beantworten. Der Geschäftsführer des Anwaltvereins, Friedrich Scholz, hat im Anwaltsblatt dargestellt, wie sehnlich die Bürger den „besten, den es gibt“, „den besten Anwalt von Berlin“, „einen, der noch keinen Prozeß verloren hat“, suchen. Doch darauf gibt es keine Auskunft. Eher schon für die zahlreichen Anrufer an Montagen oder nach Feiertagen, die nach Spezialanwälten für Ehesachen fragen. Oder nach einem Advokaten für Hunderecht oder Mietrecht. Ihnen werden drei Namen genannt, und auf der Liste werden Kreuze gemacht, damit jeder Anwalt mal drankommt.

Es ist erstaunlich, daß die Anwälte bisher dem Trend der Spezialisierung nicht gefolgt sind. Es gibt nur den „Fachanwalt für Steuerrecht“, und das beileibe nicht wegen der Rechtsuchenden, sondern zur Abwehr der hart konkurrierenden steuerberatenden Berufe. Andere „Fachanwälte“ sind 1935 und 1959 wieder abgeschafft worden. Seit vier Jahren liegt in Bonn ein Gesetzentwurf in der Schublade, der zunächst einmal geprüfte Fachanwälte für Verwaltungsrecht, für Arbeits- und für Sozialrecht zulassen will. Aber wirklich brauchbare, genauere Aufteilungen und Bezeichnungen existieren nur in den inoffiziellen Karteien – und den Weg zu ihnen muß man erst mal finden.

Die Anwälte haben nicht nur Angst vor einem „Strafverteidiger in Mordsachen“ oder einem „Spezialanwalt für Treu und Glauben“, sie fürchten, daß kleine Kanzleien, Anfänger und Anwälte auf dem Land von Spezialistenfabriken niedergetrampelt werden könnten. Der Anwalt gilt als „der omnipotente Berater auf allen Rechtsgebieten“, als ein Generalist und Universalist, der sich überall einarbeiten kann. Außerdem fürchtet man die Aufschneider und Großmäuler bei der Selbsteinschätzung, die den Stand durch Prahlerei in Verruf brächten und jeglicher Spezialbezeichnung sofort ihren Wert nähmen. Jeder vernünftige Anwalt, so heißt es, gebe heute einen Fall weiter, der ihm zu speziell erscheine.

Aber die Behörden, die Gerichte, die Mandanten haben sich spezialisiert – müssen es nicht auch die Anwälte, und zwar deutlich erkennbar? Die Standesvertreter sind übervorsichtig und sehen scheel auf die Karteien der Anwaltvereine. Das Bundesverfassungsgericht hat den Stoff dem Gesetzgeber überantwortet. Der zaudert. Unter der Hand blühen Reklame und forcierte Mundpropaganda („Fachanwalt für Strafgefangene“). Der Klient läuft sich die Hacken wund und ärgert sich. Es wäre wirklich an der Zeit für ein nicht gar so kleinliches Gesetz. Vielleicht kann die Berliner Kartei sogar dafür Modell stehen. Hanno Kühnert