ZDF, Freitag, 14. Januar, 23.30 Uhr: "Der Verlorene", Spielfilm von Peter Lorre, 1951

In Venedig, auf der 12. Mostra internationale d’arte cinematografica, konkurrierte er mit "Rashomon" (Kurosawa), "The River" (Renoir), "Tagebuch eines Landpfarrers" (Bresson), "Endstation Sehnsucht" (Kazan) – chancenlos. Immerhin gab es einen Achtungserfolg. Man bezeichnete ihn als den besten deutschen Nachkriegsfilm, was sicher übertrieben, aber nicht schwer zu behaupten war: aus der Bundesrepublik liefen 1951 außerdem in Venedig "Lockende Gefahr" und "Das doppelte Lottchen".

Die Reaktion der deutschen Kritik (sofern sie diesen Namen überhaupt verdiente) war freundliche’ Hilflosigkeit. Auch wo sie nicht von ideologischer Blindheit geschlagen war ("Formal ist dieser Film nicht unbedeutend, seine unchristliche Gesinnung jedoch zieht sich starke Einwände zu", meinte der katholische Film-Dienst), blieb sie immerhin vor dem Kino blind. Denn das hatte Peter Lorre denn nun wirklich gewagt: kommt aus der Emigration, aus Amerika, zurück und erzählt uns, was Sache ist, traktiert Politik und die ganze Nazi-Schweinerei wie ein Kolportagestück. Wir aber waren fest entschlossen, die Vergangenheit nicht als Versatzstück der Gegenwart zu behandeln. Wir wollten sie, anders als er, bewältigen. Und bewältigten sie in der Tat. Mit "Schwarzwaldmädel", "Grün ist die Heide", "Wenn die Abendglocken läuten".

Die Zuschauer blieben fern – was Lorre bald nach Amerika zurücktrieb; er hat den Mißerfolg seiner ersten und letzten Regiearbeit nie verwunden. Auch Anerkennung von Cineasten blieb aus, weil es Cineasten nicht gab und weil für jene, die es werden sollten, "Der Verlorene" als Film, wie sie selbst, noch ohne Filmgeschichte war. Peter Lorre aber hatte sich historisch verhalten. Wie einer, für den der Abgrund zwischen Fritz Lang und der "Försterchristl" nicht existierte, ein Abgrund aus fehlender Geschichte, in der "Der Verlorene" verlorenging.

Bei Fritz Lang aber, dessen "M" er 1931 gewesen war, siedelte Lorre die Geschichte an vom kaputten Mediziner Dr. Rothe (Lorre selbst), der in einem Flüchtlingslager dem Nazi-Agenten Hösch (Karl John) begegnet und einer Vergangenheit, vor der er endlich Ruhe sucht. Wir aber meinten, unsere Ruhe schon zu haben vor den Düsternissen dieser Geschichte, in der Gegenstände Schatten der Vergangenheit werfen, Gesten rettungslos an gestern erinnern, Bilder mit Atmosphäre aus Unentrinnbarkeit geladen sind, Montagen unlösbare Verstrickungen enthüllen. Dieser Rothe kommt, anders als die Deutschen, nicht davon los: für die Nazis gearbeitet – und für sich selbst gemordet zu haben.

Die Gestapo läßt nicht zu, daß der Mann sich stellt. Er ist als Forscher wichtig und bald hörig, doch nicht nur den Nazis, sondern auch einer Psyche, die der Zeit entspricht: der nächste Mord ist abzusehen. Er wird, wie mancher Mord in jenen Tagen, unter den Trümmern des Krieges begraben, bis mit dem Krieg auch der Trieb sich legt bei diesem deutschen Monsieur Verdoux. Doch dann nimmt er sich mit dem Nazi aus der Geschichte zurück, einer, der lebte (und starb) wie keiner.

Man wird den Film nach dreißig Jahren anders sehen, der Abstand zu Fritz Lang ist kürzer geworden. Die FBW fand den "Verlorenen" seinerzeit immerhin "wertvoll", die FSK gab ihn erst ab 16 und nicht für Feiertage frei. So ähnlich wird er jetzt, die Schatten sind lang, auch wieder aufgeführt: eine Entdeckung, die in die deutsche Nacht gehört.

Peter W. Jansen