Nicht nur der deutsche Wald wird immer saurer, auch der deutsche Film scheint mal wieder von einer Krankheit zum Tode befallen. 1982 sank der einheimische Marktanteil (nach neuen Zahlen des Branchen-Blattes filmecho/filmwoche) drastisch von 17,9 auf 10,9 Prozent. Die Amerikaner haben mit 49 Prozent ihre dominierende Stellung gehalten, während es den vereinten französisch-italienischen Kräften (angeführt von den Kassen-Magneten Belmondo und Adriano Celentano) scheinbar mühelos gelang, ihren Anteil am deutschen Kinogeschäft von 16,5 auf 28,5 Prozent zu steigern. In der Liste der erfolgreichsten Filme des Jahres taucht ein deutscher Titel erst an 23. Stelle auf: ausgerechnet die Schlager-Plotte "Piratensender Powerplay". Wenigen kommerziellen Erfolgen ("Der Zauberberg", "Fitzcarraldo") stehen Dutzende von Filmen mit geradezu mitleiderregenden Besucherzahlen gegenüber.

Auf dem Marktplatz der Attraktionen hat der mittlere deutsche Subventions-Film (vom Fernsehen und aus diversen Förderungstöpfen so vollständig finanziert, daß die Produzenten kaum noch etwas riskieren) keine Chance mehr. Und nach Fassbinders Tod gibt es höchstens eine Handvoll deutscher Autoren-Filmer, deren internationale Reputation sich – oft in bescheidenem Rahmen – bei Auslandsverkäufen kommerziell bemerkbar macht: Herzog, Schlöndorff, Wenders, wohl auch Schroeter und Syberberg.

Soll man also das verbleichende deutsche "Filmwunder" unter Denkmalschutz stellen, den Markt und den Kassen-Erfolg kampflos den übermächtigen Ausländern überlassen und sich in einen provinziellen Schmollwinkel zurückziehen? Eine Meldung aus München deutet auf ein anderes, vielleicht riskantes, gewiß aber notwendiges Rezept: Für stolze 52 Millionen Mark verfilmt der Regisseur Wolfgang Petersen für den Verleih "Neue Constantin" und die Bavaria-Produktions-Gesellschaft Michael Endes Bestseller "Die unendliche Geschichte".

52 Millionen Mark: So viel Geld hat ein deutscher Film auch nur annähernd noch nie gekostet. International aber sind solche Produktionssummen längst üblich: zumal im "Fantasy"-Genre (zu dem "Die unendliche Geschichte" gehört) mit seiner aufwendigen Trick-Technologie und seinen teuren Bauten. Für die "Special Effects" engagierte die Bavaria, die sich neuerdings der größten und modernsten "Blue Screen"-Anlage der Welt rühmen kann, einen englischen Profi namens Brian Johnson, der für den zweiten Teil von "Star Wars" und für "Alien" je einen Oscar bekam. Bei uns gibt es (noch) niemanden, der sich auf diese Art von Kino-Zauberei versteht. Auch ein Indiz für den Zustand der deutschen Film-"Industrie".

Man wird die Amerikaner sicher nicht auf ihrem eigenen Feld schlagen können. Ein Petersen (dessen "Boot" immerhin ein wirklicher Welterfolg wurde) macht noch kein Münchner Hollywood. Doch die (auch mit amerikanischem Geld finanzierte) Anstrengung der "Neuen Constantin" und des Bavaria-Chefs Günther Rohrbach ist gleichwohl richtig. Das auf der ganzen Welt verkäufliche Unterhaltungs-Kino (wie es Steven Spielberg und George Lucas beherrschen) mag nicht der Traum der Cinéasten sein, aber wer es mit gerümpfter Nase ignoriert, wird sich bald nicht nur arm, sondern auch gänzlich vom Markt verdrängt finden.

Ich sehe den "Stand der Dinge" erheblich lieber als den "Krieg der Sterne", und ich habe gewisse Zweifel, ob der brillante Handwerker Wolfgang Petersen mit der "Unendlichen Geschichte" in die des Kinos eingehen wird. Aber wenn es nicht gelingt, den Mangel an attraktiven, auch intelligenten Unterhaltungsfilmen made in Germany endlich zu beheben, wird auch das Autoren-Kino an Schwindsucht sterben: zumal die Fernseh-Anstalten allein die Last der Kino-Kunst weder tragen können noch wollen. Und die Filmförderungsanstalt finanziert sich aus dem "Kino-Groschen" der Zuschauer. Je mehr Besucher eine "Unendliche Geschichte" findet, desto mehr Geld wird auch für ein anderes Kino da sein. Hoffentlich.

Hans-Christoph Blumenberg